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Eine
Begegnung mit der Dummheit
David M. Katz. Havelsee. Albert
Einstein soll es so formuliert haben: Der Hauptgrund für Stress ist der
tägliche Umgang mit Idioten.“
Da geht also der Kollege Lemarcou in einem Lidl-Konsum der Chur- und Hauptstadt
Brandenburg ein paar Kleinigekeiten einkaufen. Der Lidl ist voll, zwei
Kassen sind besetzt. Trotzdem reichen die beiden Schlangen der Anstehenden
in die Regalreihen hinein. Die Leute stehen dichtauf, so, als würde es
einen Zeitgewinn bedeuten, wenn sie keinen raum zwischen sich lassen.
Bei der Kasse 1 spielt das keine Rolle. Sie ist an der Wand des Ladens
positioniert. Aber vor der Kasse 2 gibt es quasi einen Kreuzungsbereich
– einen quer verlaufenden Verbindungsgang, der die Quengelzonen der Kassen
miteinander verbindet.
Nun lernt jeder angehende Automobilist, dass ein Kreuzungsbereich zweier
oder mehrerer Straßen freizuhalten ist. Er darf nicht befahren werden,
selbst, wenn man „Grün“ hat, solange man nicht sicher stellen kann, dass
die eigene Stoßstange nicht noch in den Kreuzungsbereich hineinlugt. Der
§ 11 Abs. 1 StVO regelt das ganze. Machstes trotzdem und wirst erwischt,
sind € 20,- Bußgeld fällig.
Also bleibt der gesetzestreue Lemarcou mit seinem Einkaufswägelchen brav
zwischen der Regalreihen stehen, weil der nächste Kunde, der gerade seinen
Kram aus hinterste Ende des Förderbandes packt, verhindert, dass er, Lemarcou,
den „Kreuzungsbereich“ freihalten kann, wenn er zu dem vor ihm Stehenden
aufschließt.
Aber so etwas geht ja gar nicht! Da kommt der oben beschrieben horror
vacui zum Vorschein. Ein älterer Mann kommt angeschoben, freut sich, dass
die Schlange vor der Kasse 2 so schön kurz ist – ha, diese Trofköppe vor
Schlange 1 – er, der Schlaue hat wieder einmal alles richtig gemacht …
und dann wird er des Franzosen gewahr, der da offensichtlich auch ansteht.
Aber warum dann diese Lücke?
Der Alte vergewissert sich: „Steh’n Se auch hier an?“ Lemarcou nickt bejahend.
Der Alte ist verwirrt. Bleibt stehen, geht einen Schritt beiseite. Also
dem Verrückten, der diese Lücke lässt, will er sich ja nicht vordrängeln,
aber das Unbahgen über diese ungewohnte Situation materialisiert sich
regelrecht. Er weiß nicht wie er damit umgehen soll.
Lemarcou erfasst die Seelenpein des Alten und erklärt ihm, das hier noch
Leute hin und her gingen und er für sie Platz ließe. Man kann es dem Alten
von der Stirne ablesen: ‚Was zum Teufel faselt der denn da …?‘ In diesem
Augenblick wird der Alte samt seinem Rollwagen beiseite geschubst, weil
die Frau zurückgestürmt kommt, die noch etwas aus dem Gemüseregal vergessen
hatte und noch einmal losgerannt ist um das Vergessene zu holen.
„Deswegen …!“, meint Lemarcou lakonisch, dem Schicksal dankend, dass es
der für den Alten offensichtlich so schwer fassbaren Theorie sofort einen
parktischen Anschauungsunterricht folgen ließ.
Der hätte seine Lektion gelernt? Nicht doch! Wo denken Sie hin? Der Alte
blieb an seinem Platz. Selbst als noch vier andere Rollwagen schiebende
Kunden sich an ihm vorbeidrängleten und ihm Lemarcous Erklärung eigentlich
mit einem Vorschlaghammer ins Bewusstsein geprügelt sein müsste, beharrte
er. Keinen Schritt zurück! Ein Bilderbuch-Idiot, starrsinnig, stur, rechthaberisch.
Gesagt hat er nichts. Lieber aber ließ er sich umrennen und bedrängen
und erntete die genervten Blicke derer, die einfach nur vorbei wollten,
als sich seinen Fehler einzugestehen. … als einzugestehen, dass er es
nicht gewohnt ist, weiter zu denken, als ein Schwein scheißt; dass ihm
vorausschauende Rücksichtnahme auf andere Menschen völlig fremd ist.
Lemarcou scherte das nicht weiter. Letztendlich rückte er vor, bezahlte
seinen Einkauf und packte ihn noch an der Kasse ein. Ein Blick zurück
auf „seine“ Schlange, währen der Alte schon nach Kleingeld in seiner Geldkatze
fummelte, ließ ihn jedoch erbleichen: Da standen dieselben Leute, die
sich gerade über den starrsinnigen Alten aufgeregt hatten, Wagen und Wagen
und sperrten die Kreuzung ab. Einer kam und das Geschiebe und Gedränge
nach hinten began und das Herumgewunder über die Leute, die anscheinend
zu faul waren, hintenherum zu gehen, erhob sich zu leisen Flüchen und
giftigem Gemurmel.
Lemarcous erster Gedanke war, wie er uns hinterher in der Redaktion versicherte:
„Wie haben es diese Einzeller geschafft, zum Mond zu fliegen?“
Herr Barbagrigia verwies auf LeBons epochale Analyse zur Menschlichen
Dummheit und dem Resümee: Mit dem Einzelnen könne man reden – die Menge
aber sei immer doof.
Doch das konnte in diesem Falle nicht stechen. Der Alte war ein Einzelner
und die hinter ihm standen – auch!
Aus der Chefredaktion erscholl es nur zynisch: „Jules-Francois, du hast
dich doch immer gefragt, wie aus deutschen Demokratien heraus sowas wie
die Braunen und die Grünen an die Macht gelangen konnten. Da bitte! Da
haste deine Antwort.“
Ja, da haben wir die Antwort.
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