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Die Loyalität des Martin Sabrow

„Herr und Hanswurst“ – eine Biografie des Herrn von Gundling

Kotofeij K. Bajun
„Sag den Leuten, sie seien fett! Manche werden pikiert sein, andere lachen – sie können ja abnehmen. Und ist Fett nicht ein Zeichen des Wohlstands? Sag, den Leuten, sie seien faul! Wieder, in der einen Ecke wird es Verstimmungen geben, in der anderen fröhliches Gelächter – ja, natürlich, wer Arbeit kennt und danach rennt und sich nicht drückt, der ist verrückt! Aber jetzt sag ihnen, sie seien dumm! Dann verstummt augenblicklich jedes Gelächter. Und die so Etikettierten werden nichts unversucht lassen, dich auf die eine oder die andere Art zur Strecke zu bringen. Selbst wenn sie tief in ihrem Inneren ahnen sollten, dass sie brunzdämlich sind – denn das sind immer die anderen. Niemals sie selbst!“

Ein Satz in Anführungszeichen lässt auf ein Zitat schließen. Und richtig – der das so formulierte, war der Dr. Lothar Hübner aus der Chur-und Hauptstadt Brandenburg an der Havel, der vornehmsten Tripolis der Mark.

Die Alt- und die Neustadt Brandenburg, die im Jahre 1715 unter dem Soldatenkönig zwangsvereinigt wurden, bekam auch Besuch von dem berühmten Ökonomen, Geographen, Kameralisten und begnadeten Historiker Jacob Paul Freiherr von Gundling.

Es war dieser Gundling, dem der Landbote bereits Anfangs der 2000er in seinem 1. Volumen der Persönlichkeiten ein bescheidenes Denkmal setzte.

Dieser kleine Aufsatz reicht natürlich nicht einmal ansatzweise an das wunderbare kleine Büchlein Martin Sabrows heran, das dieser „Herr und Hanswurst“ titelte, wahrscheinlich der Alliteration wegen.

Denn nach wie vor sind wir überzeugt, dass Gundling kein Hanswurst war, nie und zu keiner Zeit.

Doch zu unserem eingangs erwähnten Zitat: Auch wir sind mit Herrn Sabrow einer Meinung, dass Gundling hauptsächlich zum Verhängnis wurde, dass er den Mächtigen seiner Zeit und unmittelbaren Umgebung einen Spiegel ihrer bornierten Dummheit vorhielt und sie zwang, hineinzuschauen. Wieder und immer wieder. Das adelige und nichtadelige Pack rächte sich nach Kräften und fürchterlich. Wir kennen das vom Klischee des Strebers und Klassenprimus, der nur selten einen anerkennenden Platz in der Mitte seiner Truppe findet. Um wie viel mehr erwählen ihn aber die tumben Bullies seiner Klasse zum Ziel erbarmungslosen Mobbings! Selbst die Klügeren springen dann nicht selten auf den Zug auf, da die Chancen gut stehen, sich dann selbst aus dem Fadenkreuz hinauszulavieren und gleichsam eine ungeliebte Konkurrenz verdrängen zu können. Nachgefragt wird die Person des weltfernen, zartbesaiteten Pickelherings mit der großen Brille und sein im Übermaß vorhandenes „uninteressantes“ Wissen nur dann, wenn es den unterbelichteten Rüpeln gilt, mit einer akzeptablen Note in der Klassenarbeit der häuslichen Tracht Prügel zu entkommen.

Menschen ändern sich nicht. So wie das Gros des Klassenkollektivs die Schule und ihre Pflichten hasst, ihre Möglichkeiten und das angebotene Wissen als wertlos verachtet und mit den Gedanken nur und ausschließlich bei der nächsten Party ist, wo es im Kern um das Ausleben der urtümlichen und animalischen Triebe geht – so verhielten sich auch die Menschen des 18. Jahrhunderts. Das Archencephalon regiert, die grauen Zellen des Cortex werden als Ballast empfunden. Die dienen nur dazu, dem Nachbarn effektiv in die Taschen zu fassen.

Das Christentum versuchte diesen Plebs aller Klassen etwas zu zähmen – mit sehr mäßigem Erfolg. Den Pastorensohn Jacob Paul Freiherrn von Gundling schützte es jedenfalls nicht – nicht einmal in der Stunde der Überführung seiner Leiche nach Bornstedt in einem zum Sarg umgebauten Weinfass.

Denn an diesem Tag verteidigten die Pfaffen das, was sie für ihre Würde hielten – nicht den bis in den Tod misshandelten Mann.
Dem Gerede vom versoffenen, abgehalfterten Professor in der Manier eines Professors Unrat fuhr Herr Sabrow glänzend in die Parade. Geschickt zitierte er die Pathologie Gundlings in den Zeugenstand. Man hätte jedoch auch erwähnen können, dass in einer Zeit, als die Abwasserzweckverbände noch keineswegs flächendeckend über Kläranlagen heutigen Standards verfügten, alkoholische Getränke zu dem wenigen gehörte, was man unbedenklich und ohne Angst vor Cholera trinken konnte. Also soff alles, was einen Schlund zum Saufen hatte. Die einen nur eben ein wenig mehr als die anderen – und wem ohne Aussicht auf Entkommen so zugesetzt wurde wie dem Gundling – der mochte eben häufiger in einen ein gnädiges Vergessen gewährenden Rauch geflohen sein.

Das haben die Strolche jeden Ranges erbarmungslos ausgenutzt. Wer waren diese? Martin Stade zeichnet in seinem Gundling-Roman „Der König und sein Narr“ ein wunderbares Porträt dieser edlen und sich edel dünkenden Lumpenhunde und die Verfilmung dieses Stoffs mit einem brillanten Wolfgang Kieling als Gundling und einem nicht minder bestechenden Götz George in der Hauptrolle übersetzte das Ganze vortrefflich in bewegte Bilder.

Es waren Kinder ihrer Zeit, die selbst in teils grausamer Härte aufwuchsen, in einer Umgebung, in der zwischenmenschliche Liebe als eine Diagnose angesehen und die menschliche, aus der Christenpflicht resultierende Zuwendung bestenfalls um der eigenen Seele willen gewährt wurde.

Diese Menschen waren nicht anders, als es die Zeitgenossen heute wären, würde man sie ihrer Versicherungen und Rücklagen benehmen und sie in eine Gesellschaft ohne soziales Netz und doppelten Boden werfen. Das ganze Gedöns um die angeblich niemanden kränken sollende Politische Korrektheit ist eine Erfindung saturierter Gesellschaften an der Schwelle zu spätrömischer Dekadenz und beginnendem Sturz in die Bedeutungslosigkeit. Wenn es ums Überleben geht, lassen die Nackten Trockennasenaffen ihre zivilisierten Masken fallen. Wem das zu harter Toback scheint und wer diese Aussage in Zweifel zieht, der möge sich in den Slums von Sao Paulo, Nairobi und Manila auf die Suche nach Gendersternchen, dem vierten Geschlecht und einer diskriminierungsfreien Sprache machen.

Eheliche Verbindungen zwischen Männern und Frauen waren größtenteils zweckbestimmt, was zwangsläufig zu den einschlägigen Problemen führte. Der Professor der Philologie Dr. Friedrich Braun fasste das Problem einmal augenzwinkernd mit den Worten zusammen: „Diese Frauen heiraten den älteren Generalleutnant und lassen sich vom jüngeren Holzfäller bespringen.“ Ein Lady-Chatteley-Syndrom also, der süffisanteste Beweis evolutionären Wirkens schlechthin. Was die Eheleute jedoch im Allgemeinen vereinte, war ihre Gier nach Ansehen und Reichtum.

Der König saß an der Spitze dieses nur mühsam zu bändigen Haufens von Rabauken beiderlei Geschlechts und scheinbar auch an der Spitze des Staates. In Wirklichkeit jedoch saß auch ‚Der König in Preußen‘ zwischen den Backen eines riesigen Schraubstocks, genannt ‚europäische Politik‘. Und nicht nur dort waren seinem Schalten und Walten Grenzen gesetzt. Jeder Herrscher muss auch innenpolitisch die Balance zwischen den antagonen Kräften halten bzw. zusehen, dass er nicht zwischen deren Mühlräder kommt. Bei Mazarin, Hideyoshi und Talleyrand lässt sich einiges über diese Kunst lernen, die, wenn man sie verfehlt, leicht dazu führen kann, dass man auf unsanfte Art seines Postens enthoben wird. Das gilt selbst für allmächtige Gottkönige, Pharaonen, byzantinische Kaiser und was dergleichen absolutistische Herrscher mehr sein mag.

Auch der Soldatenkönig musste sich also nach allen Seiten behaupten. Er, der kleine gekrönte Wicht eines Ländchens irgendwo in Europa, weit weg von den großen Geld- und Warenströmen, dessen Papa sich 1701 auf seiner Laubenparzelle in Königsberg/Preußen – das musste irgendwo im mogenlichen Schatten des Ural liegen – irgendein Krönchen aufs Haupt gedrückt hatte. Nur der weitsichtige Prinz Eugen von Savoyen bemerkte damals überaus scharfsinnig, man solle die Wiener Hofräte, die diesem Unterfangen nach einem Kuhhandel ihre Zustimmung attestierten, an ihren Hälsen aufhängen.

Und so lavierte der Roi Sergeant, der alles andere war, als ein tumber Drill-Unteroffizier, als welchen ihn das sich für zivilisierter haltende höfische Europa so gerne diffamierte, zwischen Habsburg, dem er die Reichstreue halten wollte und den angeheirateten Welfen hin und her. Dieser Konflikt spaltete die eigene Familie des Hausvaters. Fiekchen mit ihren welfisch-imperialen Ambitionen zog ihre mehr oder weniger höfisch-musisch orientierten Kinder auf ihre Seite. Das war auch gar nicht so schwer für sie, weil die Rangen ihre Situation als schwer emfanden: Als Prinzessin und Prinz geboren – aber härter kujoniert werden als ein Dorfbengel oder eine Gossengöre! War das nicht des Schicksals höhnisches Gelächter? Jeder Ausweg aus diesem Paradoxon musste daher beinahe zwanglsäufig als erstrebenswert begriffen werden. Der Alte wollte aber unbedingt die Kompassnadel nach Wien zwingen. Dafür ließ er seine widerborstige Sippe in der Hitze des Sommers in Marly schmachten und Grünkohl fressen, während er sich des Abends in irgendeinen Offiziers- oder Staatsbeamtenhaushalt einlud, um sich dort an Gesottenem und Gebratenem den Wanst vollzuschlagen. Natürlich auf Kosten der Gastgeber.

Da ließ es sich leicht eine spartanische Tabagie halten! Aber das ist nebensächlich. Der Alte war ein gewiefter Politiker von Format, der auch einen ganz passablen Skat- und Schachspieler abgegeben hätte. Er konnte die dynamischen Ströme der Raffgier und der Geltungssucht in seinem Königreich präzise einschätzen und wusste, wie er sie so zu lenken hatte, dass er seinen Willen bekam, nicht aber gleichzeitig der Basis seiner Macht verlustig ging. Ein solcher Motor muss geschmiert werden und er tat es mit dem Blut, dem Schweiß und den Tränen seines Gundling, den er auspresste wie eine Zitrone. Gundling war der Turm, die Eichel-Zicke, die man opfert, um am Ende den feindlichen König matt zu setzten oder im Skat das Spiel mit 61 Augen nach Hause zu bringen. Gundling kam aus Franken. Er sollte doch das bayerische Bonmot gekannt haben: „Heit mach I m’am Hund a rechte Freid! Erst verhau I eana und dann – hör i auf!“

Nach diesem Motto nämlich sprang der Alte mit Gundling um. Er nahm, was er von ihm kriegen konnte und gab zurück, was ihn möglicherweise auch selbst nicht allzu sehr belastete. Und er gebrauchte ihn weidlich als Puffer zwischen dem Landadel, der beim wirtschaftlichen Umbau des Staates kräftig Federn lassen musste und ihm selbst in höchsteigener Person. Er blieb der Gute. Er hatte ja doch seinen Buhmann, seinen Schlagsack, seinen „Hau-den-Lukas“! Schließlich sollte sich nicht jeden Tag ein Offizier erschießen müssen, weil er ein Ehrenattentat auf den König verübte, indem er ihm mit dem Pistol vor die Hufe von dessen royalem Pferd ballerte. Dazu waren Offiziere in der preußischen Armee ein zu kostbares Gut.

Martin Sabrow hat das ganz formidabel und solide herausgearbeitet.

Auch Ehrenreich Bogislaus von Creutz stand bei der wirtschaftlichen Modernisierung fest an des Monarchen Seite. Niemand aber wäre je auf den Gedanken verfallen, Creutz zu attackieren und zum Narren zu machen. Warum? Weil Creutz Gardemaß hatte? Weil er die Finger auf dem Geld hatte und rechnen konnte und sein Ressort höher ästimiert wurde als die Historie? Weil er ein dezenteres Auftreten besaß? Vielleicht nichts davon und von allem ein bisschen.

Der „arme Mann Creutz“ war gewiss nicht der, als den Herr Stade ihn beschrieb, der Verlierer, der sich hatte in der Spree ersäufen wollen. Und der dann von den Grenadiers heraus gefischt wurde um beim König Karriere zu machen. Sicherlich war er auch nicht derjenige, der sich in seinen letzten Stunden, wahnsinnig geworden, in seinem Tresor einschloss, wie Onkel Dagobert. Creutz war auch ein Raffke – aber eben ein in der Öffentlichkeit unauffälliges, eher dezentes Faktotum, den es nicht allzu sehr ans Licht drängte. Da war Gundling eher die Motte, die sich dann ihre Flügel an der 150-Watt-Glühbirne verbrannte und dann gänzlich an ihr kleben blieb.

Auch die Historie war unerlässlich, wenn man Ansprüche glaubhaft machen und durchsetzen wollte. Es lebte keiner mehr, der den Erbschaftsvertrag von Glatz in Schlesien beurkundet hätte, als die aufgehende Sonne mit der preußischen Armee in Schlesien einmarschierte, um Maria Theresia den schönsten Diamanten aus ihrer Krone zu reißen.

Wir wissen das seit Shakespeares Heinrich V., der sich auch schon von seinen Historikern nachweisen ließ, dass seine Ansprüche gegen und auf die Krone Frankreichs juristisch wasserdicht waren, bevor er sich nach Agincourt auf den Weg machte und am 25. Oktober 1415 das 3 : 0 gegen Frankreich im Hundertjährigen Kriege einfuhr. Nein, unwichtig erscheint Geschichte nur denen Hohlköpfen.

Zumal uns Klio einen unverbauten Blick in das Wesen des Nackten Affen gewährt, welches dieser in Gestalt unserer Zeitgenossen nur zu gern mit schönen Fassaden zu überdecken sucht.

Warum wurde Gundling also das Opfer einer bösartigen und infamen Hof-Kamarilla, die ihn nicht nur mit der Peitsche traktierten, sondern auch gerne totgeschlagen, wenn sie es denn gedurft hätte?

Weil der König ihn brauchte und ihn immer so weit schützte, damit ihm Gundlings Ressourcen erhalten blieben. Nota bene – diese Ressourcen waren FW I weitaus wichtiger, als der austauschbare Mensch. Eine weiß Gott sehr tolerante Auslegung des Pietismus, der ja selbst schon an und für sich nicht so sehr den Menschen vordergründig an seiner Würde vor dem Schöpfer bemaß, sondern eher dessen Leistung und Erfolg als wertbestimmend ansah.

Es wäre interessant zu hören, wie sich ein FW I, ein Jean Quirin de Forcade, ein Haacke und wie sie alle hießen, am Tage des Jüngsten Gerichts dazu äußern, was sie ihrem Menschenbruder Gundling antaten. Wahrscheinlich würden alle unisono in dasselbe Horn tuten: „Die anderen haben’s doch auch gemacht … wie konnte ich da abseits stehen ohne mich selbst ins Abseits zu stellen!“

Und FW I hätte im Anschluss mit dem Allmächtigen Vater Israels noch einen Disput über die Einflüsse der politischen Soziodynamik auf sein Amt als ‚Der König in Preußen‘.

Armer Gundling. Er hatte nicht das Format zu einer intellektuellen Wildsau, der das Gewäff bleckt, sobald die Meute naht. Mit einer Narren-Pritsche war das Geschmeiß nicht zu vertreiben. Und es war wohl auch die Alternativlosigkeit seines Postens zur Sicherung des Lebensunterhalts. Gundling war bei den wahren Idioten verbrannt – aber die wahren Idioten waren an der Macht und in der Überzahl – für ihn gab es kein Dux, auf das er sich hätte zurückziehen können.

Es nutzt wenig zu sagen, dass der Hohn und Spott, die Torturen und Quälereien auf seine Peiniger zurückfallen. Es straft sie nicht, insofern sie nicht in der Hölle brennen und ihm frommt es nun auch nicht mehr. Ob es den Nachgeborenen eine Lehre ist? Wer das glaubt, der ist noch närrischer als es ein „Lustiger Rat“ je hätte sein können.

Zumindest ist der Historiker und Intellektuelle Martin Sabrow eine der Inseln im allgewaltigen Ozean der Menschlichen Dummheit und er ist ein loyaler und treuer Berufskollege des erlauchten Gundling, der die ganze Kraft seines um die Dinge wissenden Geistes und seinen akribischen Fleiß aufgewendet hat, um seinen schwer misshandelten Kollegen zu rehabilitieren und den Schlamm und Schutt von dessen Angedenken zu beräumen, welchen geistlose Anekdotenerzähler, den bösartigen Faßmann wider- und widerkäuend, auf das Grabmal Gundlings gehäuft haben.

Unser Schlusswort zu diesem Aufsatz also möge sein: Gott schenke auch dem armen Oskar Panizza einen Martin Sabrow! Der hat’s auch verdient!

Martin Sabrow
Herr und Hanswurst
Das tragische Schicksal des Hofgelehrten
Jacob Paul von Gundling
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart München 2001
ISBN 3-421-05512-2
234 Seiten

 
B
13. Volumen

© B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2012

29.07.2021