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Ein Stern geht auf
Veit Helmer rettet den deutschen Film

Kotofeij K. Bajun. Havelsee. Als die Ära Werner Herzogs zu Ende ging, war es uns weh ums Herz. Für uns war klar – der anspruchsvolle deutsche Film war tot. Die große, prächtige deutschen Zelluloid-Allee zwischen Murnau und Praunheim lag öde und verwaist im dämmernden Herbstlicht, bedeckt von dahintreibenden Wolken verwelkenden Laubes und zugemüllt von drittklassigen Streifen, Filmen und Filmchen, öden Krimis am laufenden Band, verblödenden Krankenhausserien und schnulzigem Beziehungsmist. Was an Komödien aufgeboten wurde, wirkte auf uns eher wie der garstige Clown Pennywise aus Stephen Kings „Es“. Phänomenale Ausnahmen machten selbstredend der großartige Bully Herbig und dessen Leute. Doch nach diesem Meisterbarden kam auch nichts mehr. Das intellektuelle Vermögen der bundesrepublikanischen Gesellschaft schmolz dahin wie der Schnee im März. Die deutsche Filmproduktion begleitete diesen destruktiven Vorgang entsprechend.

Das war nicht mehr zum Aushalten und zum Ansehen schon mal gleich gar nicht! Ist es des Kritikers saure Pflicht, diesen flachbrüstigen Unfug trotzdem zu konsumieren, damit er aus eigenem Erleben heraus verrissen werden kann, so nahm jener Brecheimer den Platz ein, welcher vormals der Popcorn-Tüte vorbehalten war.

Es hatte den Anschein, als würden die Filmhochschulen ihre Zöglinge in die USA, the home of the maniacs, mit dem Auftrag verfrachten, sich nach all dem dort endlos zusammengekleisterten cineastischen Müll umzusehen – dem in den USA wenigstens noch einen Hauch von Originalität anhaftet – um ihn mit einer noch drögeren Note versehen nach Deutschland zu kopieren.

Verstehen Sie uns nicht falsch: Aus den USA kommen mitunter sehr wohl Meisterwerke auf Zelluloid – aber die sind mittlerweile Exoten im filmischen Gesamtausstoß der westlichen Hegemonialmacht. Es kann halt nur gedreht werden, was sich am Ende auch verkaufen lässt.

Auch den Engländern, Franzosen, Südkoreanern und Dänen gelingen ab und an sehr beachtliche Produktionen, von den kleinen Filmnationen Europas und der Welt ganz zu schweigen – aber nur wenn man sehr viel Glück hat, dann rückt vielleicht arte nach Mitternacht ab und zu mal mit so einem Sahnebonbon raus. Wir erinnern an den legendären "Tod eines Teemeisters" aus Japan von Kei Kumei, der für uns das Non-Plus-Ultra ist, das "Mehr-geht-einfach-nicht-in-dieser-und-der-nächsten-Welt".

Früher sah man das ein oder andere auch mal aus Russland – und Teufel noch mal, die Russen verstanden etwas von ganz großem Kino, bis sie auf den verhängnisvollen Trichter kamen, sich auch in Hollywood zu bedienen, weil das nun mal dem Geschmack des internationalen geistigen Prekariats entspricht.

Apropos Russland … Sowjetunion … wo waren wir stehengeblieben? Ach ja – der unaufhaltsame Niedergang des deutschen Films!

Also da gibt’s jemanden, auf den sind wir aufmerksam geworden, der macht, dass wir dieses Wort „unaufhaltsam“ gar nicht mehr so kategorisch verwenden können. Der bricht eine Lanze für den deutschen Film von Weltformat.

Veit H. heißt der Mann. Ja nee – nicht der! Obwohl aus dem Harlan, wenn er sich nicht dem Bösen verschrieben hätte, eine echte Granate hätte werden können. Zu seiner Zeit eine griffige Dramaturgie, innovative Kameraführung, ja, technisch-fachlich gesehen hatte der mehr zu bieten als das kontemporäre Hollywood. Was er dann aber im Namen seiner dämonischen Brötchengeber ablieferte, setzt diesen Namen jedoch auch bei uns auf den Index. Damnatio memoriae. Aus und fertig!

Veit Helmer ist die Personalie, die unsere Aufmerksamkeit erregte. Baffes Erstaunen: So etwas gibt’s noch? Atemberaubend. Dabei tummelt der Mann sich schon seit dreizehn Jahren im Filmgeschäft. Wir ziehen uns also die Schlafzipfelmütze vom Kopf und reiben uns verwundert die Augen.

Das Erste, was wir zu sehen bekamen, war „Baikonur“ – eine unaufgeregte, aber tief zu Herzen gehende Liebeskomödie aus der kasachischen Steppe. Eine ideologische Vorbelastung, zu der man einen im Westen aufgewachsenen Welfen aus der niedersächsischen Kapitale gerne vorverurteilen würde, hätte man mit Elektronenmikroskop suchen mögen – man wäre nicht fündig geworden. Statt dessen eine Feinfühligkeit und Zartheit in den Bildern und in den Charakteren. Wie er die kasachische Landschaft aufgreift und sie einbettet in sein Opus. Wie er die Leute beschreibt, die Gegensätze zwischen ihren Kulturen – nicht zwischen den Unsrigen – das ist überwältigend.

Man sieht ein paar wunderschöne Kamele durch die Steppe traben – aber nicht ein einziges hohes Ross! Es ist eine Schelmengeschichte, ein Märchen – die ihm inne haftenden kleinen Unschlüssigkeiten sind nicht nur geschenkt, sie stehen ihm zu, sie sind ein Geschenk an die Erzählung. Dass sich die von einer totalen Amnesie betroffene französische Weltraumtouristin Julie dennoch ungehindert mit dem Kasachen unterhalten kann – ein Wunder. Wie reden sie miteinander? Deutsch? Na, bestimmt nicht. Auf Russisch? Gut, das mag ja möglich sein … die Kasachen können es alle noch. Doch die Französin? Aber was soll das? Wer an dieser Stelle das Grübeln anfängt – der hat sich vom Zauber dieses Streifens nicht einfangen lassen, der ist eine verlorene Seele, der ist ein humorloser Holzkopf.

Dieser grandiose Sternenhimmel über Baikonur, der die französische Kosmonautin so fasziniert, zeigt uns einen weiteren hellen Stern, der soeben über dem nordwestlichen Horizont – das ist die Richtung, in der Deutschland liegt – strahlend aufgegangen ist. Ein leuchtender Überriese. Nennen wir ihn Helmer!

Das alles, was dieser Veit Helmer zeigt, ist mit so viel Liebe und so liebevoll erzählt … wir müssen den Film haben, koste es was es wolle! Es kostet, was es wolle: Die DVD erleichtert uns um geschlagene € 75,-!

Ja, das tut weh, aber es ist ein Muss, denn diesen Film muss man wieder und wieder sehen. Und wenn wir dann noch den alten kasachischen Großvater sagen hören: „Vertraue Allah, aber binde dein Kamel an!“, dann haben wir etwas gelernt und die Wandtafel der Redaktion des Preußischen Landboten ist wieder um eine Weisheit reicher. Möge uns Weihnachten tröstend zur Hand gehen, wenn wir die € 75,- gequält in unserem schmalen Etat verbuchen müssen.

Doch dann legt dieser Teufelskerl aus Hannover noch mal einen drauf: „Vom Lokführer, der die Liebe suchte …“. Wieder geht es in den postsowjetischen Raum und wieder ist der Film noch nicht mal zur Hälfte beendet, da ist er bereits als DVD bestellt. Auch der muss in die Handvideothek des preußischen Landboten. Ein Film, der völlig ohne das gesprochene Wort auskommt, der wiederum zu Herzen gehende Figuren zeichnet – den Protagonisten und den kleinen Jungen ganz vorneweg …

Wir wissen, dass die aserbaidschanischen Behörden dem Helmer Veit das Leben schwer gemacht haben. Wir wissen, dass ihnen am Bild eines modernen und prächtigen Baku gelegen ist, das von den drei Flammenhochhäusern und dem Fernsehturm bestimmt ist. Wir waren in den Achtzigern in der Metropole am Kaspisee. Wir wissen, dass Helmer keine Studiotricks brauchte. Wir kennen noch das sowjetische Baku der elenden Holzhütten.

Doch wir wissen auch, dass die aserbaidschanischen Behörden Helmer eines Tages noch mal dankbar sein werden für diese Bilder, spätestens, wenn auch ihnen die Erkenntnis dämmert, dass Glas-Stahlbeton-Paläste niemals den Menschen Wärme zu geben vermögen, selbst wenn sie in den Formen züngelnder Flammen gebaut werden. Eine organisch gewachsene, ärmliche Vorstadtsiedlung aber, durch deren enge Gassen der Güterzug sich auf seinem Weg zum Hafen schlängelt, die kann das.

Die Idee, welche diesem Meisterwerk der Filmkunst zugrunde liegt, ist phänomenal: Ein Lokführer verbringt seine Freizeit damit, den Frauen Wäschestücke zurückzubringen, die – zum Trocknen an Leinen quer über das Gleisbett aufgehängt – von seiner Lokomotive „eingesammelt“ wurden. Trotz seiner obsessiven Besessenheit dieser selbstgewählten Aufgabe gewissenhaft nachzukommen, ist er ein angenehm zurückhaltender, sympathischer und liebenswerter Charakter. Einer der Respekt vor dem und der Nächsten bezeigt und der selbst allen Respekts wert ist. Einer, der vielleicht die Liebe einer Frau sucht und dabei am Ende die Liebe eines kleinen Waisenjungen gewinnt.

Selbst das überraschende Ende dieses Films ist so unvergleichlich schön und hat doch nichts, aber auch gar nichts mit dem letzten Kuss zu tun, von dem unser Allvater Tucholsky sagte: „Es wird nach einem happy end im Film jewöhnlich abjeblendt.“ Nein zwischen diesen beiden kaukasischen Wahlverwandten Neu-Vater und Neu-Sohn ist „vabrühte Milch und Langeweile“ schlicht nicht vorstellbar.

Kein Schuss fällt, kein nervtötendes „komm schon, komm schon“, welches das exklusive Markenzeichen amerikanischen Filmschunds darstellt, keine rasanten Kamerafahrten, kein kakophones Hintergrundgedudel, bei dem man die Orchestermitglieder bedauert, dass sie sich ihr kärglich Brot auf so unwürdige und kraftzehrende Weise verdienen müssen.

Kurz – es sind alle Zutaten cineastischer Großkunst vorhanden – und wenn dann die Schlusssequenz über den Bildschirm flimmert, wird klar, dass dem Gesamtwerk eine in sich geschlossene und sauber aufeinander abgestimmte Partitur zugrunde liegt. Da sitzt keine Note an der falschen Stelle, keine zu viel, keine zu wenig. Unwillkürlich denkt man an die Goldberg-Variationen des Meisters oder an die lieblichen Concerti Grossi Vivaldis, des größten unter allen Söhnen der Serenissima.

Gefühlte neunzig Prozent dessen, was uns die Flimmerkiste in die Privatsphäre schmuggelt, ist für den Konsumenten gestohlene Lebenszeit. Veit Helmer ist eines der wenigen Ausnahmetalente, welche diese Lebenszeit zurückerstatten, weil sie das eigene Leben bereichern wie ein schönes viktorianisches Landschaftsgemälde an der Wand, ein Renaissance-Berkemeyer aus böhmischem Waldglas in der Vitrine und die Klänge von Beethovens Pastorale.

Und so wie es in der Musik, in der Bildhauerei, in der Dichtkunst und Malerei und überhaupt auf jedem künstlerischen Gebiet „Achttausender“ gibt, so gibt es diese Giganten selbstredend auch in der Filmkunst. Veit Helmer ist so ein „Himalaya-Aspirant“. Die Sechstausender-Marke hat er längst hinter sich gelassen. Gib dem mal noch ein paar Jahre Zeit! Wenn der so weiter macht, dann spielt auch er mit Sicherheit zukünftig unangefochten in der Super-Liga.

Der Nachteil: Das Kinokassen füllende Prekariat – zehn Millionen mal zehn Euro sind Hundert Millionen Euro während Tausend mal zehn Euro leider nur Zehntausend Euro sind – wird von ihm kaum Kenntnis nehmen. Die wollen Nicolas Cage und Bruce Willis, die wollen vier Fäuste gegen Rio, die wollen Harry Potter und Utta Danella, Herren der Ringe und fantastische Tierwesen, die wollen Torte-ins-Gesicht, Zoten und vulgären Sex und natürlich Crime, Crime, Crime ... Das sind Flachsegler – scheiß auf Tiefgang!

Das jedoch ist der Preis, den Genies nur allzuoft zu bezahlen haben. Uns tut das leid – aber wir können die Welt nicht ändern. Doch die 75 Euro für „Baikonur“, die können wir noch auf den Tisch blättern und damit den Beweis antreten, dass hervorragende Kunst immer ihr Geld wert sein wird. Danke, Veit Helmer! Danke für Vieles!

 
B
13. Volumen

© B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2012

17.11.2022