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GEHA
futsch!
Verlogenheit und Nutzen der Fernsehwerbung
Kotofeij K. Bajun. Havelsee. Unter
dem Gabentisch lag ein roter GEHA 705A-Füllfederhalter mit einem Satz
verschlossener aber in den Jahrzehnten ausgetrockneter Tintenpatronen.
Der Füllfederhalter stammt aus den Siebzigern des letzten Jahrhunderts.
Ein ähnlicher Füllfederhalter wurde einst einem kleinen DDR-Drittklässler
von seiner Stief-Omi aus Österreich mitgebracht.
Die Stief-Omi war Rentnerin in der DDR und kam nicht einmal in den Genuss
des berühmten Begrüßungsgelds, weil der Schwager in Linz an der Donau
wohnte. Der GEHA mochte etwa zehn D-Mark gekostet haben, respektive deren
Äquivalent in Schilling.
Ein Haufen Geld für eine mittellose Rentnerin aus der DDR, doch die alte
Frau liebte ihren Stiefenkel.
Zu dieser Zeit, im Jahre 1973, lief im Fernsehen ein Werbespot für diesen
GEHA. Die Werbenden konzentrierten sich auf die vorgebliche Stabilität
des Füllfederhalters – was ja bei kleinen Schülern ein wichtiges Kriterium
darstellt.
Ein Schüler trat in diesem Werbespot auf den GEHA – der blieb heil. Der
Drittklässler aus der Klasse 3r2 der Juri-Gagarin-Oberschule mit erweitertem
Russischunterricht hatte keinen Schimmer von der Verlogenheit der westdeutschen
Werbung.
Wie sollte er auch? Es gab kein Referenzmaterial. Es war nicht möglich,
eine Black&Decker mit einer Bosch „Blaue Serie“ oder Hilti zu vergleichen.
Also tat es der kleine Schwachkopf dem Wessi-Werbungsknaben gleich und
– der GEHA war zerbrochen, zersplittert, zerstört. Der Junge hatte nie
ein einziges Wort, nicht eine einzige Zahl mit ihm geschrieben.
Hämisches Gelächter der Klassenkameraden, beschämte und verzweifelte Tränen
in den Augen des Jungen, wütende Schelte des Vaters und der Stiefmutter,
trauriges Kopfschütteln der armen Großmutter.
Doch das Erlebnis hatte sich in das Gedächtnis des kleinen Jungen unauslöschlich
eingebrannt.
In den folgenden fünf Jahrzehnten sparte ihm dieses traumatische Erlebnis
wahrscheinlich Tausende Mark, Euro, Dollar …
Denn fortan wusste er: Nirgends
wird so viel gelogen wie im Krieg, in der Liebe und in der Werbung.
Als dann die Mauer fiel, wurde ihm, der nunmehr zu einem jungen Mann herangereift
war, sehr fix klar, dass 99% der Artikel aus der Fernsehwerbung Gelumpe
ist, Ladenhüter, nutzloser Blödsinn, der anders nicht an den Mann oder
die Frau zu bringen ist.
Der rote GEHA nach 52 Jahren unter dem Weihnachtsbaum des sich nunmehr
in einem gesetzten Alter befindlichen Mannes konnte den Schaden von damals
nicht wieder gut machen. Aber er ist ein kleines Mahnmal. Ein Mahnmal
gegen die menschliche Dummheit und diejenigen, welche aus dieser Dummheit
Geld schlagen.
Die Firma GEHA gibt es nicht mehr. Sie erwies sich in der Realität des
unbarmherzigen Marktes nicht stabiler als ihr Füllfederhalter in der Realität.
Das mag wohl die gerechte Strafe sein für eine einstmals verlogene und
trügerische Werbung, die einen kleinen Jungen um sein kostbares Geschenk
brachte.
Gute Dinge werben für sich und bedürfen keiner infamen Lügen. Neben dem
GEHA stand ein sündenteures Flakon „Eternity for Men“. Auch dieses war
mal Gegenstand eines Werbespots in den Neunzigern. Wenige, nicht auf das
Produkt bezogene Worte; nur unaufgeregte, aber stimmungstiefe Bilder in
schwarz-weiß; dezente, sphärische, klangliche Untermalung. Das Produkt
ist tatsächlich Großes Kino. Nein – wir stehen in keiner Beziehung zu
der herstellenden Firma oder kassieren auch nur einen Pfennig für die
Erwähnung dieses Produkts! Wir werben nicht – wir attestieren, wir stellen
fest.
Deswegen sprachen wir weiter oben von nur 99% Müll und Mumpitz im Portfolio
der Fernsehwerbung. Dieses Rasierwasser gehört zu den 1-%-Ausnahmen.
Nun ja, Calvin Klein ist ja auch noch mopsfidel ...

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