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Herwig und die Urbanoglyphen
Die verschwurbelte Welt der Pseudo- und Parawissenschaften
Kotofeij K. Bajun. Brandenburg an der Havel. Herwig, Herwig … wie soll man einem wie dir gerecht werden? Dein Büchlein liegt vor uns: „550 Jahre Schwerin“ … Urbanoglyphen, ostdeutsche Städte, deren Gründung mit Sternbildern korrespondieren und dann – deine Heimatstadt Brandenburg an der Havel – eine Stadt der Pharaonen. Uns wirbelt das gebeutelte Resthirn im Schädel um und um und wir denken an die Beschreibung des die Prinzessin bewachenden Drachen durch unseren journalistischen Allvater Dr. Kurt Tucholsky in seinen „Träumereien an preußischen Kaminen“ aus dem Jahre 1919:

„Er war ein gebildeter Drache, er las H. St. Chamberlain und war seitdem etwas wirr im Kopf, aber sonst ein stattlicher alter Herr. Sein Lesetischchen mit der Brille stand vor seiner Bibliothek. Band reihte sich da an Band: die Marlitt und die Eschstruth, der Scheler und der Sombart; die ‹Gartenlaube›, das ‹Daheim› und die ‹Zukunft› schillerten in allen Farben.“

Lass uns mal für einen Moment annehmen, du hättest zur Zeit der Erlösung der Prinzessin bereits einige deiner Werke veröffentlicht. Wir sind uns sicher, auch diese hätten sich in der Bibliothek des Drachen stolz präsentiert. Deren Lektüre hätten den Drachen für in Aussicht genommene die Stelle des Personalchefs im preußischen Ministerium des Innern nachgerade empfohlen und wären auch jetzt ganz bestimmt noch ein Türöffner für exponierte Posten in der gegenwärtigen Berliner Regierung.

Ach Herwig … Du bist ein kluger, umfassend geschulter und vielwissender Mann, an dessen Beispiel sich der alte, im Volke verbreitete Spruch wieder einmal bewahrheitet: Genie und Wahnsinn gehen Hand in Hand.

In diesem Beitrag werden wir uns hüten, uns mit deinem Text auseinanderzusetzen. Ein Diskurs liegt uns ferne – wir fänden keine Schnittpunkte, an denen sich eine nach unseren Maßstäben vernünftige Diskussion orientieren könnte.

Es ist so schwer, dich bei den Verrückten einzuordnen, denn man wird das schlechte Gewissen nicht los, dir bitteres Unrecht zu tun. Du bist ja nicht bösartig, nur auf so eine nette Art systematisch verpeilt und verschwurbelt – und dabei noch ein vielfaches sympathischer als dein Stammesbruder Erich von Däniken, dem dessen allerorten gemutmaßte Außerirdische immerhin zu einem erklecklichen Reichtum verhalfen.

… oder sagen wir mal besser, die enorme Vielzahl der ganz irdischen Narren, die ihm seinen Schwachsinn nur zu gerne abkauften, weil Däniken ganz vorzüglich deren metaphysische und transzendentale Bedürfnispalette bespielte.

Johannes von Buttlar ebenso. Nur allzu gern ist der nüchterne und gebildete Rezeptionist euerer „Werke“ mit dem Terminus „Scharlatan“ bei der Hand.

Dir würde man Unrecht tun. Davon sind wir überzeugt. Noch. Denn du butterst dein bisschen Geld in polnische Selbstverlage, welche dir Bücher drucken, deren auffälligstes Merkmal das Fehlen einer ISBN ist.

Wenn uns Pendants zu Dir einfallen, dann wohl am ehesten jene durchgeknallten Persönlichkeiten wie der „gescheiterte Physiker, Swanson mit Namen …“ sowie sogar noch eher Ph. D. Sam Laserowitz aus der legendären „Stimme des Herren“ des literarischen Giganten Stanislaw Lem aus Krakau.

Deren Charakterisierung durch Lem ist so genial, so perfekt, dass wir uns nicht wagen, dem auch nur ein Komma hinzuzufügen oder ein i-Pünktchen wegzulassen. Das sagt alles. Danke, Pan Lem!

Der damalige Direktor des Brandenburger Stadtmuseums Dr. Hans-Georg Kohnke, auch eine eigenwillige, aber sehr intelligente Personalie, auf seinem Sachgebiet nüchtern und ganz Wissenschaftler, jagte dich damals aus der Brandenburger Johanniskirche, als du einigen geistig verirrten Brandenburgern in unmittelbarer Nähe zu Kohnkes Musentempel dein wirres Zeug von der pharaonischen Urbanoglyphenstadt Brandenburg an der Havel auftischen wolltest. Er trieb dich aus, wie ein erzürnter Priester den Gottseibeiuns, wie unser Rebbe Jeshua die Wechsler aus dem Hause Gottes zu Jerusalem. Das muss zum Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends gewesen sein.

… dieser Ungläubige … Na ja, es ist schon ein gerüttelt Maß Glauben an deine Sache nötig, um an all dem Blödsinn nicht zu verzweifeln, den du da mit einem immensen Hintergrund an Fachwissen ausgestattet, zusammenspinnst wie eine mutierte Tochter der Arachne ihr etwas aus der Form geratenes Netz.

Ja, ja, wir sind die indoktrinierten Opfer der sturen, alten, tradierten Geschichtswissenschaft, vernagelt und verbiestert und verschlossen allen großen, revolutionären Ideen, mit denen sich einer wie du so hin und wieder einen Namen machen will. Wir sehen uns schon in der Menge der gebildeten Spötter, die Darwin und Wegener auslachten und deren Namen mittlerweile ein gnädiger Schleier des Vergessens vor der ewigen Peinlichkeit bewahrt.

Bist du ein Charles Darwin, Herweg? Bist du ein Alfred Wegener?

Das formale Handwerk des wissenschaftlichen Arbeitens scheinst du gründlich erlernt zu haben. Für den Laien kommt das in deinem Schrifttum sehr überzeugend rüber: Bildnachweise, Quellenbezüge, Literaturnennung … alles da. Da sage noch einer …

Es gibt ja in der Tat diesen Fakt, der gleichsam als Fürsprech bezüglich deiner Thesen auftritt: Wie oft schon in der Wissenschaft wurden Erkenntnisse, die in Zement gegossen schienen, von Titanen des Denkens und Forschens umgeworfen und für die Zeitgenossen nur schwer erträgliche Konstrukte ersonnen, die uns Heutigen als das Natürlichste der Welt erscheinen, ihren Vätern und Müttern in der damaligen Zeit jedoch nichts als Ärger einbrachten.

Die Reihe dieser mutigen Vordenker, die es wagten, sich mit dem etablierten Wissenschaftsbetrieb anzulegen, ist lang. Pars pro toto seien genannt: Nikolaus Kopernikus, Giordano Bruno, Galileo Galilei, Charles Darwin, Ludwig Boltzmann, Alfred Wegener, Albert Einstein.

Natürlich muss man alles in Frage stellen, was nicht hundertprozentig und wasserdicht bewiesen ist.

So hieß es noch zu den Zeiten, als wir mit der Zuckertüte in die Schule rannten: „Atome kann man niemals fotografieren, weil sie einfach zu klein sind. Allein die Wellenlänge des Lichts macht das unmöglich!“ Heute kann man sich die Fotos reihenweise aus dem Internet ziehen.

Es hieß, nichts könne schneller sein als das Licht. Heute heißt es, der Raum könne sich schneller ausdehnen und vereinzelte Quanten würden auch in der Lage sein, in ihre eigene Vergangenheit zu reisen. Wir wissen nicht, ob das stimmt – dafür fehlt uns die Ausbildung – aber sollte das wahr sein, dann wäre damit ein weiteres Absolutum gefallen.

In seiner Bedeutung entspricht das in etwa der fundamentalen Erkenntnis der antiken Geistesgrößen, dass die Erde eben keine Scheibe, sondern eine Kugel ist, welche nicht etwa von riesigen Elefanten oder Titanen getragen wird, sondern stattdessen frei im Raum schwebt.

Wobei das Ganze dann oftmals wiederum eine zusätzliche Dimension des Komplizierten hinzugewinnt. Die, deren Meinung so revolutionär überholt wurde, könnten aber, wenn man dann noch weiter ins Detail geht, doch wieder Recht haben.

Machen wir uns das am Beispiel der „Atomisten“ und der „Energisten“ klar, deren erbitterter Streit um die Existenz von Atomen im Neunzehnten Jahrhundert vehement ausgetragen wurde. Die Atomisten setzten sich durch. Dann aber wurde klar, dass sich das Atom aus einem Kern und einer Hülle zusammensetzt, dass sich der Kern aus Protonen und Neutronen formiert, dass diese hinwiederum aus Quarks aufgebaut sind … und so weiter.

Am Ende wird sich herausstellen, dass die Energisten, welche die Welt nur als Ausdrucksform wabernder Energiefelder ansahen, doch recht hatten, wenn es sich nämlich erweisen sollte, dass solche Energiefelder mit „Wellengang“ dichtere und dünnere Bereiche ausprägen. Die Kreuzungspunkte, mithin Verdichtungen des energetischen Niveaus, könnten dann die Kernteilchen bilden, während die energetischen „Täler“ den „leeren“ Raum dazwischen darstellen. Denkbar wäre es.

Auch das sind natürlich Thesen und sie haben mit denen Herwig Brätzens eines gemeinsam, nämlich dass sie Thesen sind.

Thesen sind dazu da, formuliert zu werden und dann kann sich jeder, den die Materie interessiert, an ihnen abarbeiten. Dieses Privileg muss man zwingend auch Herwig Brätz zugestehen, so abenteuerlich sich seine Theorien auch anhören oder lesen mögen.

Als zweiten Punkt führen wir an, dass Leute wie Brätz und andere wissenschaftliche oder pseudowissenschaftliche Querdenker die unabdingbare Hefe im Wissenschaftsbetrieb sind, ohne die bestenfalls ein evolutionäres, keinesfalls aber ein revolutionäres Fortkommen denkbar ist.

Es ist nur eben so, dass die überwiegende Masse dieser „Hefe“ fruchtlos vor sich hin gärt und nur sehr vereinzelt eine Persönlichkeit hervorbringt, die dann tatsächlich etwas substanziell Neues vorzuweisen hat.
Lassen sie uns deshalb einmal radikal die Perspektive wechseln! Lassen sie uns nach dem „Qui bono“ fragen!

Gesetzt, die „verschwundenen Jahrhunderte“ auf die auch Brätz in seinem Buch „550 Jahre Schwerin“ abstellt, erweisen sich als wahr. Welche Konsequenzen hätte dies?

Dass wir unseren Kalender mit unendlichem Aufwand und unter immensen Kosten auf das Jahr 1726 umstellen, damit wir in 274 Jahren noch einmal die Jahrtausendwende mit vielen Silvesterböllern feiern können? Häää? Was soll das?

Es ist doch scheißegal, in welchem Jahr wir leben. Die Juden, die Chinesen, die Muselmänner, die Maya und wer weiß wer noch, machen uns das vor. Die haben alle eine andere, von den Christen unterschiedene Jahreszählung.

Es geht um das Verhalten der Menschen, die - egal in welchem Jahrhundert – lebten und miteinander interagierten, um Rückschlüsse auf heutige zwischenmenschliche Dynamiken ziehen zu können.

Warum sollten die alten Lokatoren und Städteplaner im Rahmen der deutschen Ostkolonisation mit altägyptischen Astronomielehrbüchern unterm Arm und einem Jakobstab im Gepäck herumgeflitzt sein, sich von Außeririschen aus der Zukunft geografisch präzise Atlanten geborgt haben, um den Standort ihrer Städte, Kirchen oder was auch immer so zu wählen, dass sie der Konstellation von irgendwelchen Sternzeichen entsprechen, um mit Gott oder Göttern besser korrespondieren zu können … Was um Himmels Willen soll den dieser krude Nonsens?

Das sind Phantastereien von Leuten, die genug Muße haben, um sich mit solchem Quatsch beschäftigen zu können und nicht Tag für Tag von früh bis spät schuften müssen, um eine Chance zu haben den nächsten Winter zu überleben. Das sind Geschichten von Leuten, die nicht stundenlang einem Hasen hinterherjagen müssen, um etwas in den Magen zu kriegen und ein Fell gegen die Kälte, sondern die statt dessen ins Kaufhaus um die Ecke gehen, wenn sie etwas brauchen.

Gehen wir doch mal ganz nüchtern damit um! Die Alten mögen religiös gewesen sein, aber ihre Leistungen zeigen, dass sie hochintelligente, bodenständige und pragmatische Frauen und Männer waren, die nicht besonders viel Zeit auf Spökenkiekerei zu verschwenden hatten.

Ihre Aufgabe war es, ressourcenorientierte Gemeinwesen zu gründen, deren Standortfaktoren die bestmöglichen Voraussetzungen für eine zukünftige ökonomische Prosperität vorhielten. Solche Gemeinwesen – Dörfer oder Städte – sind Wirtschaftsunternehmen und gar nichts sonst. Der Landbote berichtete darüber am 21.05.2004 in seinem 3. Volumen unter dem Titel Wüste Dörfer, Industrieruinen - verlassene Gemarkungen im Lande Brandenburg.

Ockhams Rasiermesser ist gut geeignet, den metaphysischen Bart dieser transzendentalen Schwadroneure zu scheren.

Aus diesem Grunde stellt sich nunmehr die letzte Frage: Was wollen Leute wie Däniken, Buttlar oder Bärtz erreichen? Bei Däniken und Buttlar könnte Geld eine Rolle spielen – wir wollen dennoch nicht in Zweifel ziehen, dass sie den eigenen Schwachsinn glauben.

Aber Brätz? Der verdient doch nichts damit, dass er ein paar Unterbelichteten Märchen verkauft, Leuten, welche die ihnen mental und intellektuell überlegenen Wissenschaftler sowieso längst als mit äußerstem Misstrauen zu beäugendes Feindbild ausgemacht haben! Die Eintrittsgelder seiner Podiumsdiskussionen und die Erlöse seiner schriftlichen Werke dürften sich nach Steuer in engen Grenzen halten.

Will er jemanden überzeugen? Und wenn ja, wovon? Von seinen Erkenntnissen – und wenn das der Fall ist, wozu diente es, wenn ein paar mehr Leser diese Sachen für bare Münze nähmen?

Wir kennen solche Zeitgenossen: Entrückte Gesichter, nachdem sie Michiu Kaku haben schwafeln hören, einem Mann der sie wahrscheinlich an Meister Yoda erinnert und einen Professorentitel trägt, was ihn in ihren Augen bereits als sachkundig ausweist. Wir hingegen kriegen diesbezüglich den berüchtigten „Professor“ Faßmann vom preußischen Hofe des Soldatenkönigs nicht aus dem Kopf, der ein grober Hofnarr und wüster Halbgebildeter war, Verfasser unsäglicher Pamphlete.

Hundewelpen, Hundewelpen, Hundewelpen ...

Wir erinnern an das deutsche Sprichwort:

„Wenn ein Bart gelehrt machte, so wäre ein Ziegenbock Rektor der Prager Universität!“

Oder will Brätz seine Adressaten mit seiner überragenden Bildung und seinem breiten Allgemeinwissen beeindrucken?  Warum? Eitelkeit? Vanitas vanitatum? Das wäre der Superlativ von vergebens!

Im etablierten wissenschaftlichen Betrieb ist sein Name längst verbrannt. Was soll ihm also die nickende Anerkennung unterbelichteter Rezipienten seiner Erkenntnisse bringen?

Ist es also am Ende nur etwas fürs Ego, wenn das simple RTL-Volk murmelt: „Siehste, da ist mal einer von „denen“, der „denen“ mal richtig in die Parade fährt! Das ist einer, der den Etablierten mal Kontra gibt und ausspricht, was wir nicht wissen sollen. Brätz und Konsorten sind die Abrissunternehmer für die Elfenbeintürme. Auf sie ein dreifach HURRA!“

Ja, ganz toll! Was kauft er seinen Kindern zum Geburtstag dafür?

Nee, Herwig. Dir auf die Füße zu treten, sei uns ferne. Dein Buch bleibt Bestandteil der Bibliothek des Preußischen Landboten und landet nicht im Giftschrank. Versprochen. Aber einen Einleger können wir ihm nicht ersparen: VORSICHT! KEINE SATIRE! Trotzdem und gerade deswegen: Nicht allzu ernst nehmen!

 
B
14. Volumen

© B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2012

05.06.2025