Die Elster im Schnee |
| Ein epochales Gemälde von Monsieur Claude Monet |

Claude Monet: Die Elster im Schnee
Kotofeij K. Bajun. Brandenburg an der Havel. Es ist schon ein merkwürdiger Moment, wenn man sich eingestehen muss, dass man sich fundamental irrte. Dieser Moment ist für den Preußischen Landboten nunmehr gekommen.
Gott sei’s gedankt, dass wir in unserer Euphorie damals – es muss wohl im Jahre 2004 gewesen sein – in unserer Euphorie also nicht lauthals brüllten: „Nur ER konnte Schnee malen, nur ER!“
„ER“, das ist Professor Iwan Iwanowitsch Schischkin, dessen Oeuvre wir im 1. Volumen der Otto-Weidt-Redaktion „Persönlichkeiten“, besangen. Wir geben zu, wir waren davon überzeugt: So, wie es nur einen Vivaldi gibt, so gibt es auch nur einen Schischkin!
Im Prinzip ist das auch so. Aber „prinzipiell“ impliziert auch immer die Ausnahme. Zweiundzwanzig Jahre später sprang uns exakt diese Ausnahme ins überwältigte Auge.
Ausgerechnet einem Impressionisten, Claude Monet, gelang der Geniestreich: Seine berühmte Elster auf dem Gartentor im Schnee brachte Schischkins Monopol ins Wanken.
Ein Vogel … Wie dichtete doch der große Wilhelm Busch über einen vorwitzigen Laubfrosch: „Wenn einer, der mit Mühe kaum gekrochen ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär, so irrt sich der!“
Wir waren buchstäblich dieser Frosch und meinten, von unserem erhöhten Ansitz aus die Welt der malenden Kunst komplett zu überblicken. Eine Elster aber kann sich noch tausend Fuß über die Baumkronen erheben.
Dort sitzt sie nun, die Elster, Parzivals Vogel, auf dem windsschiefen Gatter. Hoch liegt der Schnee, die kleine Mauer überdeckend. Die Sonne steht tief und wirft dem Maler lange Schatten entgegen. Und Monet fängt sie ein, die verschiedenen Erscheinungsformen des Schnees, der keineswegs nur weiß ist, sondern, je nach Konsistenz und Lichteinfall gelbliche und blassbläuliche Tönungen anzunehmen in der Lage ist.
Schnee und Wasser – das dünkt uns Pinsel-Laien das Schwierigste zu sein an der Kunst des Malens. Von Monet sind uns weitere Winterstücke bekannt: Die Umgebung von Honfleur und den Zug im Schnee, die Landstraße im Schnee bei Honfleur und die Straße bei Argenteuil. Bilder, mal mehr, mal weniger grandios, die Pinselstriche mal sorgfältiger, mal „impressionistischer“.
Sogar Potsdams Palais Barberini besitzt so ein winterliches Meisterwerk: Den Tümpel im Schnee.
Doch die Elster trifft ins Herz. Da sitzt der Vogel in der bitterkalten Landschaft in der Nähe des Normandie-Weilers Étretat, deren eisige Einsamkeit den Betrachter frieren ließe, wenngleich er sich diesem Bilde im temperierten Musée d'Orsay näherte.
Das ist es, was für die Kunst des Meisters spricht, die Kunst eines jeden Meisters, der es vermag, durch seinen Farbauftrag, durch seine Noten oder durch seine Verse den Genießer seiner Kunst in deren Welt so unwiderstehlich hineinzuziehen, wie das nur die Sirenen mit den armen Seeleuten des bronzezeitlichen Mare Nostrum vermochten.
Ein guter Maler ist auch ein guter Kompositeur. Er komponiert sein Bild. Das Motiv vermittelt den Alltag so intensiv wie das Besondere. So denn auch bei Monets Elster.
Wie sie da zeitlos auf dem Gatter hockt, darbend dem Betrachter zugewandt, könnte sie jedem Spaziergänger begegnen. Dennoch ist sie einzig. Dennoch ist der Schnee einzig, den der Maîtres des couleurs so umwerfend auf die Leinwand gezaubert hat.
Die Ruhe, welche das Bild ausstrahlt, lässt uns doch keinen Augenblick vergessen, dass diese Landschaft dem, der ihr schutzlos ausgeliefert ist, keine rosigen Aussichten für das Überleben gewährt. Warme Kleidung und das nächste Kaminfeuer in absehbarer Entfernung – nur dann lässt sich die Perspektive Monets unbefangen einatmen.
Verliert man sich dann aber im Detail dieses Gemäldes, dann besticht eben diese faszinierende Zuwendung zu den verschiedenen Facetten des Schnees, für welche die Eskimos und die Sibirjaken als anerkannte Spezialisten mehr als drei Dutzend Begriffe kennen. Das ist Meisterschaft! Das ist Können. Das ist ein würdiges Pendent zum Vivaldi der Landschaftsmalerei Russlands, zu Iwan Iwanowitsch Schischkin!
Wir danken dem Allmächtigen Vater Israels für unser Augenlicht und die paar Synapsen, deren Kooperation und Tüchtigkeit allein es uns ermöglicht, diese Schönheit in uns aufzunehmen und vor allem – zu erfassen. Wir danken Monsieur Monet für dieses Bild und unseren westfränkischen Vettern dafür, dass sie so gut darauf achtgeben.
Vielleicht gewährt uns der Vater aller Dinge noch mal in seiner Güte die Gnade, es mit eigenen Augen bestaunen zu dürfen. Wir werden auch eine gut gefütterte Jacke überziehen und im Hotel einen heißen Grog für unsere Rückkehr bestellen.