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Sonderartikel

Recht und Gerechtigkeit

K. K. Bajun

Den nachfolgenden Artikel ist einem großen Menschen und wahren Christen gewidmet, der für die Rettung der unschuldigen Opfer eines mörderischen Systems sein eigenes Leben riskierte:

Dem Jesuitenpater Professor

Friedrich Spee von Langenfeld

*25.Februar 1591 in Kaiserswerth bei Düsseldorf
07.August 1635 in Trier
Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie an der Universität Köln

Herr Professor Friedrich Spee von Langenfeld

Das Gegenteil von GUT ist nicht BÖSE, sondern GUTGEMEINT!

 

Statt eines Vorwortes:

Bruder Spee, über dreihundert Jahre hinweg grüße ich Dich. Ich will versuchen, das Schwert, das Du geschmiedet hast von Deinem Grabmal zu Trier aufzunehmen und in Deinem Sinne zu führen. Vergib mir meine Unzulänglichkeit, der Dein geschliffener Scharfsinn versagt blieb und gewähre mir dennoch Deine Unterstützung, wenn Dein Geist und Dein Wirken über Deinen Tod hinaus mir noch den Rücken zu stärken vermögen. Amen

Wer schützt die Gesellschaft vor jenem Kreis fachlich und moralisch überforderter Juristen, Psychologen und Jugendämtern, die in einem teilweise willkürlichen und dekadenten Habitus ie elementaren Sozialrechte familiär verbundener Menschen verletzen?

-Prof. Dr. Wolfgang Müller-Osnabrück Niedersachsen 

Vor einem halben Jahrtausend loderten in Deutschland zu Zehntausenden die Scheiterhaufen der Inquisition. Wie viele Leben auf diese barbarische Art und Weise gräßlich vernichtet wurden, läßt sich nicht mehr sagen. Doch das ist auch nicht von vordergründiger Bedeutung. Jeder einzelne Schrei, jedes Stöhnen, jedes Wimmern eines der Opfer des Wütens der menschlichen Dummheit hätte es verdient, für ewig als bohrender Stachel im Gewissen der Menschheit weiterzuwirken.

Einer der entschiedensten und in seiner Tätigkeit effizientesten Wegbereiter des institutionalisierten Mordens war der Dominikaner und Professor der Theologie Heinrich Kramer (gen. Institoris)(1430-1505). Er schuf eines der fürchterlichsten Machwerke der Schriftkultur überhaupt, das in seiner Brandgefährlichkeit "Mein Kampf" Hitlers in nichts nachsteht: Den "Malleus Maleficarum" oder "Hexenhammer". Sein Gift liegt nicht darin begründet, daß es etwa von Haßtiraden tröffe oder Demagogie auf seinem Panier zu stehen hätte. Es war weitaus gefährlicher - es war nüchtern, sachlich und - auf streng wissenschaftlicher Grundlage gehalten. Ja, Sie lesen richtig: Dieses Werk entsprang dem wissenschaftlich - theologischen Höhepunkt seiner Zeit. Meinten zumindest viele der damaligen Gelehrten, die dann auch Kramers Opus zum Standardwerk erhoben und auf seine Autorität und Vorgaben gestützt ihre unfaßbaren Verbrechen umsetzten. 

Überhaupt war die Theologie zum damaligen Zeitpunkt die Mutter aller Wissenschaften. Allein ihre Erkenntnisse waren bindend. Alle anderen Forschungsbereiche hatten sich auf die Vorgaben der Theologie zu beziehen und es wurde lebensgefährlich für die Wissenschaftler, wenn sich ihre Ergebnisse nicht nahtlos in den theologischen Überbau einfügen wollten. Dafür ging es Pseudowissenschaften wie der Astrologie und der Dämonologie um so besser. Je skurriler deren Auftreten, je blödsinniger und haltloser deren "Erkenntnisse", desto angesehener standen sie bei der Mehrheit der gebildeten wie ungebildeten Bevölkerung im Kurs. Und um so gefährlicher wurden sie für das Allgemeinwohl. Man mußte sich nicht mehr die Mühe machen, den Dingen weiterhin auf den Grund zu gehen. Es hatte ja bereits alles eine für jedermann nachvollziehbare Ursache. Und die billigsten Lösungen sind meist die tödlichsten. Und so kam es, daß Professor Kramer aus Basel nicht mehr durch die Lande ziehen mußte, wie seine berüchtigten Vorgänger Konrad von Marburg, Petrus de Torquemada oder Bernard Gui. Er wurde zunächst einmal der Prototyp des Schreibtischtäters, ein früher Adolf Eichmann sozusagen. Er mordete mit der Kraft des Geistes, der anerkannten Autorität auf dem Gebiet einer immer weltfremder und scholastischer werdenden "Wissenschaft" und der Schreibfeder. Diese drei Komponenten verhalfen seinem Wirken zu weitaus größerer Effizienz als eine Legion ausschwärmender Schergen.

Entscheidend unter anderem war, daß man die Autorität eines kleinen Richters, Inquisitors oder sonstigen Vernehmers vor Ort noch an dessen Persönlichkeit festmachen und so gegebenenfalls anzweifeln konnte. Der Wucht eines kalten und toten Buches, das als Standardwerk Geltung verliehen bekam, hatte man auf lange Zeit nichts mehr entgegenzusetzen. Zumal in einer Zeit, die sowieso mehr auf das Wort von ehernen Autoritäten baute als auf eigene Beobachtung und der eigenständiges philosophisches Denken fast völlig fremd geworden und abhanden gekommen war. Dieses in Lettern "eingefrorene" Gedankengut sowohl eines aus heutiger Sicht gestörten Geistes und seiner nicht minder verunsicherten Zeit konnte ungehemmt überregionalen Terror entfalten. Wenn es denn also wirklich Dämonen gab, wie sie der Hexenhammer postulierte, so nahmen sie gerade in ihm lebendige Gestalt an. Damit nicht genug - es verwandelte auch diejenigen Menschen, die sich seiner bedienten ebenfalls in Kreaturen einer Hölle, wie sie wohl nur Hieronymus Bosch darzustellen verstand.  

Der Wahnsinn, der sich auf diesem Boden wie eine Seuche auszubreiten begann, bekam also Methode. Eine Methode, die niemand mehr anzuzweifeln wagte und die im Verlauf ihres epidemischen Wirkens zehn- wenn nicht Hunderttausenden Menschen nicht nur ihr einziges, kostbares und gottgegebenes Leben nahm, sondern darüber hinaus noch mehr oder minder lange Zeit vor ihrem Sterben entsetzlichste Qualen zufügte.

So verrückt wurde das spätmittelalterliche Europa, daß die vom kollektiven Irrsinn befallenen Menschen nicht einmal vor ihren völlig unbeteiligten Mitkreaturen halt machten. Nicht nur Kleinkinder, Jungfrauen, Greise und Greisinnen, ehrbare Matronen und Hausfrauen, rechtschaffene Bürger wurden ein Raub des Feuers der Dummheit. Selbst Katzen, Hähne, Ziegen und andere bedauernswerte Geschöpfe wurden dem krankhaften Aberglauben der Menschen geopfert. Der Menschen, die doch der Heiligen Schrift den Auftrag hätten entnehmen müssen, ihren Nächsten und ihre Mitkreatur zu schützen. Und jetzt kommt das größte Paradoxon: Die Menschen glaubten wirklich und allen Ernstes den Anforderungen dieses Auftrages im vollen Umfang gerecht zu werden. Man muß sich schon sehr unvoreingenommen in die Geisteswelt eines mittelalterlichen Menschen hineinversetzen, um zu verstehen, daß der dargestellte Sachverhalt für diese Leute nichts paradoxes, sondern ganz im Gegenteil etwas sehr schlüssiges an sich hatte. Mitfühlende Menschlichkeit, für die der Religionsstifter der Christenheit selbst gelitten hatte und umgebracht wurde, ist von unseren Vorfahren in einem ganz anderen Sinne interpretiert worden, als wir das heute tun. Nach ihrem Verständnis tat man einer vom Teufel besessenen Kreatur einen weitaus größeren Gefallen, wenn man ihrem vergänglichen Leib unsägliche Schmerzen zufügte; erhielt man ihrer unsterblichen Seele doch dadurch die zugegebenermaßen vage Option, das ewige Leben eben nicht unter diesen Qualen fristen zu müssen. Daß das Leben, was man vernichtete sehr reeller, das Ewige Leben jedoch reichlich metaphysischer Natur war, dieser Widerspruch wurde von den wenigsten wahrgenommen. Und die sich dieses Umstands bewußt waren, hielten besser mit ihren Gedanken hinterm Berg - sonst waren sie die nächsten Anwärter auf das irdische Feuer.

Welche Schlußfolgerungen für die heutige Zeit sind aus diesen Ausführungen zu ziehen? Im Abstand zu diesen uns fernen Jahrhunderten ist ein Vergleich der herrschenden Werte sehr leicht möglich. Dabei ist ein deutlicher und radikaler Wertewandel nicht zu übersehen.

Wertewandel gab es zu allen Zeiten. Waren zu den Zeiten der klassischen Antike Pädophilie und Knabenliebe anerkannte und gegen keinerlei gesellschaftliche Norm verstoßende Verhaltensmuster, so sind sie zweitausend Jahre später Straftatbestände. (Und ich bin persönlich zu sehr ein Kind meiner Zeit, um die Strafwürdigkeit dieser Delikte auch nur ansatzweise zu bezweifeln.) Im Gegenzug dazu kann ich an keiner auch noch so übel gemeinten Hexerei etwas Verwerfliches finden, weil ich ganz einfach aus rationalen Erwägungen heraus ihre Macht und Wirksamkeit in Frage stelle. Insofern also die Hexe oder der Zauberer fleißig Sozialabgaben von ihren Einnahmen entrichten und auch das Finanzamt nicht über Gebühr betrügen, sollen sie hexen soviel sie wollen!

Was will ich damit sagen? Daß jeder an der Gesetzgebung seiner Zeit Beteiligte, jeder mit der Deutung, Auslegung und Anwendung Befaßte sich der Tatsache bis in den Grund seines hoffentlich vorhandenen Herzens bewußt ist, daß Gesetze Schöpfungen ihrer Zeit sind und niemals Anspruch auf ein Absolutum vertreten können. (Man gedenke in diesem Kontext der schaurigen Rassentheorie der Nazis, die ebenfalls rein "wissenschaftlicher" Natur war und sogar vielen Millionen Menschen das Leben kostete. Nicht einmal eine Generation später wußte man, daß die wissenschaftliche Grundlage der Rassentheorie nicht viel besser fundamentiert war als das mittelalterliche Pandämonium.)

Pater Friedrich von Spee

In der Zeit höchster Not betrat eine wahre Lichtgestalt voller Güte und Herzenswärme die grausige Szenerie: der Jesuit Friedrich von Spee. Wie viele Frauen und Männer er in seiner Eigenschaft als ordinierter Seelsorger zu ihrem letzen unbeschreiblichen Todeskampf auf dem Scheiterhaufen hatte begleiten müssen, ist unbekannt. Was aber aus seinen Werken deutlich hervortritt, ist das Ausmaß an Qual, die ihm diese fürchterliche Tätigkeit bereitete. Während der Horror für seine Opfer irgendwann ein Ende fand, mußte Pater Spee mit all dem Schrecken weiterleben. Die Bilder dürften ihn Tag und Nacht verfolgt haben. Aus dieser Pein heraus und getrieben von seinem großen mitfühlenden Herzen begann er mit seinem scharfen, bei den Jesuiten geschulten Verstand das Wesen und das Auftreten dieser unsäglichen Justiz zu analysieren. Ein reicher Fundus an Erfahrungen stand ihm zu Gebote. So entstand die "Cautio Criminalis", das legendäre Buch, das dem Hexenwahn den Kampf ansagte; die Antithese zu Kramers verfluchtem Hexenhammer. Die "Cautio Criminalis" wurde unter Lebensgefahr geschrieben, verlegt und veröffentlicht - sie führte zu fanatischem Haß und wütenden Angriffen auf Spees Leben. Aber im Endeffekt läutete sie das Ende des Hexenwahns ein und bereitete den Weg zur Aufklärung - zu einem menschlicheren Bild des Menschen von sich selbst. Immer mehr kluge und besonnene Leute dachten über die Argumentation von Gelehrten wie Pater Spee nach und versammelten sich hinter diesen revolutionären Ideen. Bis die Dämonen der Dummheit irgendwann in der Minderheit waren, nur noch hie und da im Verborgenen wüten und morden konnten. Bis ihre Scheiterhaufen irgendwann ganz erloschen.

Doch Vorsicht! Ganz erloschen sind sie nie. Die Mikrobe der menschlichen Dummheit ist allmächtig, solange es Menschen auf dieser Erde gibt. Die Fanatiker und Besserwisser werden nie aussterben und immer versuchen, ihre Vorstellungswelt auf ihre Zeitgenossen zu obtruieren. Die Mittel dazu mögen sublimiert worden sein - nur noch die wirklich ganz Primitiven operieren heute noch mit Daumenschraube und spanischen Stiefeln! Existenzen unliebsamer Zeitgenossen lassen sich heutzutage weitaus diskreter und eleganter vernichten. Und alles wie zu Kramers Zeit unter dem weiten Mantel geschriebenen wie gesprochenen Rechts.

Was also sind die Folgerungen, die aus den obigen Darlegungen für die Gegenwart zu ziehen sind?

Unsere Justiz ist nicht vom Himmel gefallen. Sie ist ein Produkt einer stetigen und kontinuierlichen Entwicklung im christlichen Abendland, deren Wurzeln bedingt durch die seit eintausendfünfhundert Jahren vorherrschende christliche Religion in Europa bis hinunter zu den mosaischen, ja mesopotamischen Rechtsauffassungen reichen. Nachhaltig geprägt wurde das juristische Denken vom klassisch-römischen Rechtsgebäude, auf das sich alle nachfolgenden Rechtsreformen und -umwandlungen ebenso aufbauten, wie man im Klostergrundriß unschwer das Vorbild - die römische Villa erkennen kann. Es hat also jeder Rechtsgedanke einen gewachsenen Hintergrund. Die meisten in diesem System aufgewachsenen und großgewordenen Leute sind unfähig über diesen Tellerrand hinauszublicken. Es mangelt ihnen an Kreativität grundsätzlich anderes, neues, noch nicht Gedachtes zu denken. Das muß man wissen um zu begreifen, warum man bei Reform- und Anpassungsversuchen so oft auf erbitterten Widerstand konservativer Kräfte trifft. Warum es fast unmöglich erscheint, grundsätzlich Neues etablieren zu wollen. Man muß es aber auch wissen, um zu begreifen, daß Althergebrachtes irgendwann zu unflexibel wird, um dem Zeiten- und Wertewandel noch fernerhin gerecht zu werden. Daß Revolutionen nötig werden, ein Umdenken manchmal radikaler Natur sein muß; man sich von Zeit zu Zeit alter Zöpfe gründlich entledigen muß. Daraus ergeben sich die folgenden Punkte:

  • Als erstes haben sich die Juristen und die Exekutive ihrer ungeheuren Verantwortung bewußt zu sein. Es muß zwingend sicher gestellt werden, daß sie das auch wirklich tun. Wer es daran missen läßt, wer Akten oberflächlich studiert und Details fahrlässig ausblendet, weil dieser Berg an zu bewältigenden Informationen die Arbeitswilligkeit dieser Leute übersteigt, so müssen sie gnadenlos aus dem Amt entfernt werden. Denn sie handeln mit dem Schicksal lebendiger Menschen. Der Strudel, in den sogar primär unbeteiligte Personen hineingerissen werden, nimmt nur allzu oft erschreckende Ausmaße an. Ähnlich wie ein Automobilfahrer, der die Informationen nicht mehr bewältigen kann oder möchte, die für das sichere Führen seines Fahrzeugs durch den Straßenverkehr nötig sind, die Lizenz zum Führen seines Kraftfahrzeugs in der Regel aberkannt bekommt, so kann man auch Leuten nicht ein Amt auf Lebenszeit überlassen, mit dem sie Existenzen genauso bedrohen können, wie mit einem Automobil.

  • Womit der zweite Punkt zur Diskussion ansteht: Die persönliche Verantwortlichkeit des Juristen. An diesem Punkt lassen sich Menschen im Allgemeinen am Besten packen. Müssen sie selbst mit ihrer Arbeit, ihrem Besitz oder gar ihrer Lebenszeit haften, so werden sie den Ergebnissen ihrer Handlungen zumeist größere Aufmerksamkeit widmen. Noch einmal: Es ist ein Unding, eine Berufsgruppe wie die der Richter zu privilegieren indem man sie auf Lebenszeit ernennt. Das nimmt ihnen den Druck, sich weiterhin bestätigen zu müssen. Jetzt können sie sich zurücklehnen, jetzt haben sie's geschafft. Jetzt kann ihnen kaum noch etwas passieren, wenn sie nicht gerade exorbitanten Unfug verzapfen und selbst dann schickt man sie noch in eine gut dotierte Pension. Das Gefasel von der sogenannten zu gewährleistenden Unabhängigkeit der Richter ist unerträglich. Auch Richter sind Menschen. Und wenn die späteren Delinquenten diesen Menschen nicht hilflos ausgeliefert sein sollen, dann ist es unabdingbar, auch die Arbeit der Richter, Staatsanwälte und Ermittler einer unerbittlich harten Qualitätskontrolle zu unterziehen und Fehler, die auf fahrlässiges und oberflächliches Verhalten zurückzuführen sind mit der Härte zu sanktionieren respektive zu ahnden, mit der auch Ärzte, Architekten, Ingenieure,  Statiker oder eben LKW-Fahrer rechnen müssen, deren fehlerhafte Arbeit Menschenleben nachhaltig zum Negativen verändern kann. Es gibt keinen vertretbaren Grund, diese Berufsgruppe weiterhin im Elfenbeinturm zu belassen und besonders zu schonen.

  • Der dritte Punkt berührt eine Forderung, um die sich schon Martin Luther verdient gemacht hatte, als er für die Heilige Schrift - diesen  unter anderem gesellschaftsverbindenden Verhaltenskanon eine Sprache forderte, die von allen gesprochen und daher von allen verstanden wird. Wer kryptisch redet, hat etwas zu verbergen. Und wo einer etwas zu verbergen hat, da fürchtet er zumeist die Infragestellung seiner Entscheidung, den Verlust an absoluter Macht und Autorität. Er fürchtet die Auseinandersetzung mit seinen Entscheidungen, die Kritik daran. Solche Menschen sind per se gefährlich. Ein zweiter Punkt der kryptischen Sprache ist, daß so ziemlich jede Menschengruppe, sei es eine Dorfgemeinschaft oder eine Berufsgruppe auch mit dem Mittel des Sprachgebrauchs versucht, sich von den anderen mehr oder weniger deutlich "abzugrenzen" und die eigene Besonderheit herauszustreichen. Dazu addiert sich bei den Juristen seit alters her das Verlangen, jeden nur denkbaren Sachverhalt so korrekt und umfassend wie möglich zu beschreiben, um ihn juristisch faßbar zu machen, sowie mögliche Schlupflöcher zu schließen.

  • In diesem Kontext ist zu fordern, daß endlich begonnen wird, die Dinge beim Namen zu nennen: Ein Justizirrtum, der auf eine schlampige, unzureichende, oberflächliche, liederliche oder gar böswillige Recherche oder Verhandlungsführung zurückzuführen ist, muß ein Justizverbrechen genannt werden. Schon König Friedrich der Große forderte, liederliche, voreingenommene oder inkompetente Juristen härter zu bestrafen als Straßenräuber, da man sich vor letzteren billig vorsehen könne, ersteren aber hilflos ausgeliefert sei. Es ist Zeit, diese Order umzusetzen. Denn ein Volk, welches das Vertrauen in seine Justiz verliert, ist sehr anfällig allen Spielarten der Selbstjustiz gegenüber.

  • Es ist schon erbärmlich, wenn einem Bürger aus Kreisen der Justiz immer wieder verlautet, daß Recht und Gerechtigkeit zwei verschiedene Paar Schuhe seien. Diese Aussage ist eine Banquerott-Erklärung der Justiz! Gerechtigkeit leitet sich von dem Wort Recht ab und hat von diesem geschützt und nicht getrennt zu werden.

  • Das Entseelte, Gesichtslose, das von der blinden Justitia verkörpert wird, muß einer Menschlichkeit weichen, die dem Gekränkten und Geschädigten gerecht wird, anstatt ihn durch aberwitzige Rechtsfindung und ihrem Gehalt nach idiotische Spitzfindigkeiten noch mehr zu verhöhnen. Das unheilvolle an der blinden Justitia ist nämlich, daß ihre Töchter und Söhne oftmals ebenfalls meinen, in ihren Herzen erblinden zu müssen, wollen sie denn für echte Kinder der Schwert und Waage tragenden Göttin respektiert und angesehen werden. Sie gefallen sich nachgerade in dem hohlen Gestammel, das sie als Ausdruck ihrer Kastenzugehörigkeit begreifen. Mit ihrer selbst gewählten Ausgrenzung jedoch können sie den Auftrag Gottes nicht erfüllen, der da lautet: "Du sollst Deines Bruder Hüter sein!" Statt dessen werden die blinden Juristen zu Peinigern ihrer Mitmenschen.

  • Zusammengefaßt lautet die Kardinalforderung: Sie sollen Recht sprechen! und nicht ihre von Gott gegebene Zeit auf Kosten ihrer Mitmenschen vertun und vertrödeln, indem sie unentwegt nach Möglichkeiten und Wegen suchen, ihr Verständnis von einem jedem einzelnen gerecht werdenden Rechtsstaat so zu sublimieren und zu perfektionieren, bis am Ende das Gegenteil steht: Die Tyrannei eines Unrechtsstaates, in dessen bis ins Subatomare reichende juristischen Verklausulierungen, Kommentaren und Referenzen sich nicht einmal mehr Fachleute auskennen und zurechtfinden.   

 Das Recht muß den Menschen dienen, nicht der Aushaltung der Juristen. Es muß das Zusammenleben der Menschen in einer Gesellschaft erleichtern und nicht erschweren und verkomplizieren. Deshalb muß es von vielen verstanden und nicht von wenigen versponnen werden. Recht muß Recht bleiben! Amen

Nachwort

Mir ist nicht bekannt, daß die Kurie ihren treuen und aufrechten Sohn Friedrich von Spee jemals in dem Maße gewürdigt hätte, wie er es verdient. Die katholische Kirche lebt unter anderem von ihren Heiligen und Seligen, die nach einem besonderen kirchenrechtlichen Verfahren als solche benannt und in die klerikalen Register aufgenommen werden. Bis in die Gegenwart spricht der Heilige Vater in Rom Christen, die mit ihrem Leben und Wirken ein besonderes Beispiel und Vorbild für Christen und Nichtchristen gegeben haben, heilig oder selig. Zu ihrem lauteren Lebenswandel addiert sich häufig noch die Tatsache, daß diese Menschen während ihres Erdendaseins oder auch danach Wunder wirkten und oftmals erlitten sie ihres Glaubens wegen starke Repressalien - das Martyrium.

All diese Dinge treffen nach meinem Laienverständnis auf Pater Spee zu:

  1. Er lebte seinen Glauben und war keine Spur bigott. Er predigte nicht öffentlich Wasser und soff heimlich Wein. Er predigte nicht den Tod anderer wie beispielsweise der Heilige Dominikus und andere fragwürdige Heilige, sondern er kämpfte wie sein Herr Jesus Christus um und für das Leben seiner entrechteten Mitmenschen. Er war kein Fanatiker, sondern ein ruhiger, überlegter und besonnener Mann, der auch den unterschiedlichen Standpunkt seines Gegenübers sehr wohl achtete und nicht haßerfüllt und dogmatisch argumentierte.

  2. Seine Wunder bestanden nicht in Jahrmarktsattraktionen. Er ließ nicht durch Handauflegen oder Glaubenszuspruch Lahme wieder gehen oder Blinde wieder sehen. Er holte unschuldige Frauen und Männer vom Scheiterhaufen und aus den Folterhöllen der klerikalen und weltlichen Gerichtsbarkeit. Er brachte das wahre und ungekünstelte Wunder zustande, allein mit der Kraft seiner überzeugenden Worte und des Aufbaus seiner Argumentation vehemente und überzeugte Befürworter der Hexenverfolgung zu bekehren(!!!) (wie zum Beispiel den einflußreichen Publizisten Thomasius, die sich dann mit all ihrer Autorität für das Ende des Hexenwahns stark machten). Allmächtiger Gott und Vater des Lichtes! Ist denn das kein Wunder?!!  

  3. Auch das Martyrium fehlt nicht in seiner Biographie. Pater Spee wurde im Jahre 1626 Opfer eines feigen und hinterhältigen Attentates. Er überlebte mit Gottes Hilfe seine schweren Kopfverletzungen. Dieser Anschlag ist kurioserweise nie aufgeklärt worden. Soviel aber ist sicher: Das waren keine Taschendiebe oder Straßenräuber. Das waren Assassinen, die im Auftrag handelten, Pater Spee zum Schweigen zu bringen. Die Kommunisten unseligen Angedenkens brachten mir manches Vernünftige bei. Unter anderem lehrten sie mich, bei jeder menschlichen Handlung die Frage zu stellen: "Qui bono?" Das ist Latein und bedeutet: "Wem nützt es?, Wer profitiert davon?". Die Antwort drängt sich in diesem Falle regelrecht auf:

  •   Das Eigentum schuldig gesprochener Hexen und Zauberer verfiel an die kirchliche und weltliche Obrigkeit sowie an den Denunzianten. Pater Spee begann, mit der Veröffentlichung der Cautio Criminalis eine sehr lukrative Einnahmequelle für Klerus und weltliche Herrschaft zu schließen.

  • Wir wissen aus dem Beispiel totalitärer Diktaturen, wie effektiv das Instrument der Angst zur Festigung der Macht der herrschenden Kreise ist. Angst erzeugt man unter anderem durch willkürliche Verhaftungen und kaum zu berechnende stetige Gefahr für den einzelnen. Denken wir an das berüchtigte Moskauer Hotel LUX, in dem während der Zeit der Stalin-Diktatur Exilkommunisten wohnten, deren Reihen von der GPU allnächtlich nach keinem nachvollziehbaren Muster gelichtet wurden. Und da auch der Stalin-Kommunismus eine Art totalitäre Religion war, glaubten die unschuldigen Opfer - der Spionage für den Imperialismus verdächtigt und angeklagt - sich oftmals zurecht verhaftet und abgeurteilt. Die Deutsche GeStaPo brachte ähnliche Beispiele. So und nicht anders funktionierte die Inquisition. Pater Spee prangerte unnachsichtig die Verbrechen des Heiligen Officiums an und brachte die charakterliche Verkommenheit vieler Inquisitoren und Schergen an den lichten Tag. Bis hin zur ekelhaften Geilheit der Untersuchungsführer, die angelegentlich der Vernehmung der Frauen sich noch an diesen vor und nach der Folter vergingen, deren Hilflosigkeit brutal und schamlos ausnutzend. Integrität war diesen wahren Repräsentanten der Hölle fremd.

Ist Pater Spee der römischen Kirche und ihren faulen Früchten so sehr auf den Schlips getreten, daß sie ihm bis heute nicht verzieh, obwohl sie allen Grund hat, diesem Menschen mit der von ihr permanent geforderten Demut zu danken? Zu danken, daß er in Liebe und ohne Haß Mißstände aufzeigte und somit seiner Kirche den Weg zur inneren Ein- und Umkehr und Besinnung auf ihre eigentlichen Werte öffnete.

Wenn das so ist (ich bete auf Knien, daß ich irre!), dann beweisen die Entscheidungsträger der Kirche, daß sie den Auftrag und den Weg ihres Religionsstifters, dieses armen galiläischen Wanderpredigers und Gottessohnes lange verlassen haben und die Institution der Heiligen Mutter Kirche einem eiskalten, auf Machterhaltung ausgerichteten Apparat gewichen ist; einer verkommenen Clique, einer emporgekommenen Sekte, die sich nur durch ihren lamoryant vorgetragenen Heilsbringer-Anspruch auf dem Wege der Schlichtheit, Reinheit und Armut von den Scientologen unserer Tage unterscheidet.

Auch meine Worte sind nicht getragen von Ablehnung und Haß. Ich würde dem großen Manne, dem ich hier ein bescheidenes Denkmal zu setzen versuche, einen Bärendienst erweisen, ließe ich mich zu solch unwürdiger Motivation hinreißen. Zudem bin ich der Kirche des Rebben Joshua (Jesus) seelisch viel zu eng verbunden, als daß mich einige unvermeidliche und usurpatorische Lumpen in Kasel und Mitra der Vergangenheit und Gegenwart, (die wohl nach Gottes Ewigem und kaum nachvollziehbarem Plan überall vorkommen müssen), von ihr zu trennen vermöchten. Aus diesem Grunde mahne ich an dieser Stelle, mit diesem Aufsatz eine vollständige Rehabilitation und Ehrung des Hexenanwalts Pater Friedrich von Spee an. Es ist an der Zeit ein Zeichen zu setzen, daß der Geist Spees bestimmend und unnachgiebig fordernd weiterwirkt und auch und gerade heute noch Einfluß nimmt, auf den Umgang mit den unschuldig Verfolgten und Entrechteten in unserer Gesellschaft.

Ich schließe meinen Beitrag zu diesem Thema an dieser Stelle mit den Worten eines anderen Geistlichen und Anwaltes ausgebeuteter und geschundener Menschen, des Thomas Müntzer:

 "So ich das sage, muß ich aufrührerisch sein - Wohl hin!"

Plaue an der Havel, den 23. Februar 2003


© B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2003