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Des Wawels dunkler Schatten

Jules-Francois Savinien Lemarcou
Krakau. Hier also hat er sich breitgemacht – Hitlers Oberlump für das Generalgouvernement, der Schrecken der armen Juden, die Geißel des freien Polens: Dr. jur. Hans Frank, die elendige Bestie! Auf dem Wawel hat er sich eingenistet – hoch über der alten Königsstadt, im Schloss der Jagiellonen. Und sein verfluchter Schatten liegt noch immer über Polens zweitgrößter Metropole. Ganz besonders hier – in der Miodowska, über der Neuen und der Hohen Synagoge und dem angrenzenden Judenviertel.

Wanderer, und kommst du nach Krakau, dann steck' dir Taschentücher ein! Du wirst sie brauchen! Denn hier heulst du Rotz und Blasen! Es ist nicht einmal so die fatale Nähe zu Auschwitz – nur die Kippa gibt Herrn Katz ein wenig Schutz – es ist diese gespenstische Stille, diese Abwesenheit von jüdischem Leben, hier, in Krakau! In Krakau!

Einst, als ein wahnsinnig gewordener teutonischer Mob im Zuge seiner Kreuzzugsneurose auf die jüdischen Gemeinden unter anderem der Schum-Städte losstürmte, als in Worms, Speyer und Mainz die Ghettos in Flammen aufgingen, da flohen ein paar der wenigen Überlebenden weit, weit nach Osten. Bis nach Krakau. Kasimir der Große, der letzte der Piasten, nahm sie auf. Und sie brachten ihre jiddische Sprache mit sich und bewahrten den nichtsnutzigen Teutonen auf diese Weise das so kostbare Mittelhochdeutsch.

In Krakau, im Vorzimmer des Stetls von Sandomir bis Lemberg, entwickelte sich eine der prosperierendsten und geachtetsten jüdischen Gemeinden Mitteleuropas. Hier lebte und wirkte unter Königin Hedwig der hoch geachtete Wunderrabbi David Katz – Namensvetter des Redakteurs und Journalisten des Preußischen Landboten nicht von ungefähr.

Und dann kamen die braunen Banditen. Die, welche von den bolschewistisch-mongolischen Horden schwafelten, gleichwohl Dschingis' und Batus Truppen nicht einmal ansatzweise an die Verbrechen heranreichten, welche von den Nazis im Namen Deutschlands planvoll und dezidiert ins Werk umgesetzt wurden. Der Lahme Timur hatte wenigstens noch eine kutlurelle Seite – Dr. jur. Hans Frank war nur Bestie – wenn auch nicht ganz so verblödet wie beispielsweise ein Amon Göth.

Herr Katz schlich beklommen durch Krakau, blickte traurig ins grüne Antlitz von Mütterchen Weichsel, die ihre Fluten etwas verdreckt am Wawel vorbei schob. Er wechselte die Straßenseite, wenn ihm ein polnischer ksiądz proboszcz, ein katholischer Pfarrer oder eine Nonne entgegenkam. Derer gibt es viele in Krakau, der Stadt, die ja auch eine katholische Universität, benannt nach dem Heiligen Johannes Paul II., in ihren Mauern beherbergt. Wo waren die, als ihre jüdischen Brüder und Schwestern abgeholt wurden um in Auschwitz ermordet zu werden? Wie haben sie sich dazu verhalten?

Wie verhielten sie sich noch in den Siebzigern, als polnische Karmeliterinnen in einem ungeheuerlichen, saudämlichen, ignoranten und provokanten Akt ein Karmeliterkloster auf dem Gelände von Auschwitz errichteten. Wie hartnäckig musste der Erzbischof von Paris, Jean-Marie Lustiger, auf den heiligen Vater – ebenjenen Karol Josef Wojtytla einwirken, ehemaligem Erzbischof von Krakau und nun Heiliger Vater in Rom – bis dieses Projekt des Irrsinns gestoppt wurden. Den Polen ging es nur um ihr Leid. Viele Polen waren den deutschen Mördern für die Vernichtung des lästigen Judentums sogar noch dankbar und machten munter weiter, als der deutsche Spuk längst beendet war. Wir erinnern an das Massaker von Kielce am 4. Julei 1946.

Es ist bekannt, dass viele Polen unerwartet aus den deutschen Vernichtungslagern heimkehrenden Juden die Tür vor der Nase zuschlugen – und zwar deren eigene!!! Als die Gestapo-Schergen die Juden abgeholt hatten, waren viele Polen schnell bei der Sache, sich des mobilen und immobilen Eigentums der Unglücklichen zu bemächtigen. Pech für die armen Teufel, dass sie diese Hölle überleben mussten – denn die Polen waren keineswegs willens, das Geraubte wieder auszuhändigen.

Krakau ist eine schöne Stadt – ganz ohne jeden Zweifel. Krakau war Heimat großen polnischen Königen aus den Geschlechtern der Piasten und der Jagiellonen.

Doch dann … Ein Stich aus dem Hotel Kazimir in der Miodowska zeigt Krakau um das Jahr 1875. Beim Betrachten wird verständlich, was Fernau meinte, als er so gehässig den Polen unterstellte, sie würden von einem Weltreich der Lehmhütten träumen.

Es ist dieser Schlamm, der sich einigen einfach gestrickten Polen jeden Standes eingebrannt haben muss, gemeinsam mit ihrem bigotten und verlogenen Katholizismus, der sie so hartherzig gegen ihre jüdischen Brüder und Schwestern werden ließ – eine Haltung, um derenthalben die Dauerbetenden und -knieenden dreifach ihre eigene katholische Hölle meritierten – und das bis zum Tage des Jüngsten Gerichts. Es ist diese pseudoreligiöse Spießigkeit, die sie jetzt wiederum all ihrem gelallten und getrieften Gebetsgeplärre zum Trotz hartherzig gegen die mohammedanischen Kriegsflüchtlinge werden und sie – nachdem sie waidlich von den Segnungen Europas genossen haben – nunmehr auf Abstand zu Brüssel gehen lässt.

Trägt der Preußische Landbote antipolnische Ressentiments zu Markte? Mitnichten! Das wäre wohl bei das Dümmste, was man einer Gazette vorwerfen kann, die sich so eng mit Polen verbunden fühlt. Aber gerade Preußen ist verpflichtet, erbarmungslos draufzuhauen, wenn der geliebte Freund und Bruder hässliche Geschwüre hinter verlogenen Feigenblättern kultiviert.

Hans Franks Schatten lastet noch immer auf Krakau. Das ist schlimm. Aber was in diesem Schatten unerkannt gekrochen ist und von den Untaten der deutschen Bestien profitierte – das ist nicht minder verwerflich. Das muss auch ans Licht! Sonst wird Krakau nie wieder der unbefangene, fröhliche Leuchtturm, der so tief und nachhaltig in den europäischen Osten hineinwirkte.

25. Volumen
© B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2009
12.09.2016