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Der Erfolg trägt Blau – nur … wie lange?

 

Don M. Barbagrigia. Havelsee. Der Erfolg hat viele Väter, die Niederlage meist nur einen …, so sagt ein deutsches Sprichwort. Allerdings beschreibt dieses mehr oder weniger die Dynamik der Schuldzuweisung.

In der politischen Gegenwart Deutschlands bedarf es einer Anpassung. Der Erfolg der Blauen hat nämlich exakt so viele „Väter“ wie der Niedergang der „Etablierten“.

Das herauszuarbeiten lohnt sich schon.

Zunächst einmal gibt es in jeder Gesellschaft Leute, welche die Mechanismen rational oder instinktiv begreifen, welche sie zur Macht gelangen lassen. Gustave LeBon hat das hervorragend dargestellt.

Dabei gilt als erstes: In demokratischen Systemen unterscheiden sich Machterwerb und Machterhalt schon in einem Punkte fundamental. Der Machterwerb ist eine offensive Handlung – der Machterhalt folgt stets defensiven Strategien. Auf Dauer verschleißt sich der Machterhalt an den Herausforderungen, permanente Antworten auf die Angriffe des Gegners finden zu müssen.

Blöderweise müssen sich diese Antworten an der Realität messen lassen, die für jedermann an der Basis erkennbar ist und somit bestimmt, wohin sich diese mehrheitlich orientiert.

Der Angreifer ist in einer weitaus bequemeren Position: Er muss nur die Schwächen des Verteidigers benennen und das gebetsmühlenartig. Natürlich erwartet die Masse auch von ihm Lösungsvorschläge – aber diese sind zunächst einmal subprioritär. Es scheint an dieser Stelle eine milde Art „Kommt-Zeit-kommt-Rat“-Mentalität im Volke vorzuherrschen.

Der zweite und sicher auch einer der entscheidenden Punkte besteht in der Kommunikation zwischen den Verteidigern der Burg und dem Volk einerseits, als auch jener der Angreifer und dem Volke andererseits.

Die sich als Verteidiger der deutschen Demokratie wähnenden „Altparteien“  sind zunehmend gefesselt in ihren eigenen Sprachregelungen, welche ihre Protagonisten dazu verdammen, sich so verschwommen zu artikulieren, dass ihnen nichts Greifbares, Belastbares mehr zu entlocken ist. Denn erstens müssen sie sich ja, wie gesagt, an der Übereinstimmung zwischen Gesagtem und Erfolgtem messen lassen, welches den Belagerern zur Gänze erspart bleibt, und zweitens müssen sich diese Leute auch noch vor den Opponenten in den eigenen Reihen schützen, welche in aller Regel gefährlicher sind als die Angreifer aus dem feindlichen Graben.

Das nutzen die Belagerer weidlich aus, denn für sie ist es nicht nur schadlos, eine „politisch unkorrekte“, direkte und unverblümte Sprache zu benutzen – für sie ist das im Gegenteil eine hocheffektive Methode, weil sie somit den Schulterschluss zu der Masse bekommen, deren Stimme, Rückhalt und Unterstützung sie benötigen.

Martin Luthers überragender Erfolg war zu einem großen Teil exakt diesem Phänomen geschuldet. Er redete in der kraftvollen Sprache seiner Adressaten.

An dieser Stelle greift ein weiteres massenpsychologisches Phänomen, welches jedoch sehr einfach zu erklären ist: Der Angreifer wird in aller Regel als der Stärkere empfunden. Nicht so der Verteidiger, solange es diesem nicht gelingt, einen erfolgreichen Gegenangriff vorzutragen.

Warum? Weil man dem Angreifer den Mut zur Bataille unterstellt, währen der Verteidiger handeln MUSS! Um einen Überlebenskampf zu führen, braucht es keinen Mut, sondern bestenfalls Verzweiflung. Diese aber wird mit Schwäche assoziiert. Der Starke ist niemals verzweifelt!

Das alles lässt sich anhand der Machtübernahme durch die deutschen Nationalsozialisten brillant studieren und belegen.

Die Weimarer Republik erstickte an sich selbst, obgleich ihre Führungskräfte im Gegensatz zu heute hoch- und umfassend gebildete Persönlichkeiten waren.

Bei ihren braunen Gegnern traten solche Spezialisten erst nach dem Januar 1933 vermehrt in Erscheinung und dann auch mehrheitlich in den nachgeordneten Reihen. Bis zum Schluss hielten sich in der NSDAP-Führungsriege überdurchschnittlich viele bauernschlaue Parvenüs und beließen Leute wie Speer, der einer der kultiviertesten Schweinehunde war, welche dieser Planet je ertragen musste, in der Minderzahl.

Als die Nazis dann die Macht hatten und liefern mussten, ging die Sache folgerichtig epochal nach hinten los. Das war, als hätte der reiche Erbe einen Saalrunde geschmissen und wäre hinterher pleite gewesen.

Nur, dass die Nazis keine reichen Erben waren. Sie hatten mit dem Reich einen Haufen Nachkriegsschrott übernommen, dessen Haushalt bereits 1935 de facto erledigt war und für dessen Auffrischung sich nicht mal mehr Pump auf den internationalen Anleihemärkten generieren ließ.

Also sahen sie sich zum Angriffskrieg regelrecht gezwungen, um ihren bankrotten Staatshaushalt durch die Versklavung und Ausbeutung anderer Völker zu retten und das in einem Ausmaß, dass sie irgendwann einmal zwangsläufig allein an der Länge der Frontlinie und dem zunehmenden Widerstand aus den besetzten Gebieten scheitern mussten.

Ähnlich verhält es sich nun mit der AfD. Auch sie würde, käme sie nun in der Bundesrepublik sukzessive an die Macht, ein marodes Erbe antreten. Der Tanker Bundesrepublik ist gestrandet, auf Grund gelaufen, fertig. Den wieder flott zu machen, bedarf es mehr als der berechtigten Kritik am Versagen einer herrschenden Politikerkaste, die – gesetzmäßigen sozialen Dynamiken folgend – nur noch um sich selbst und den eigenen Machterhalt kreist und zunehmend unfähig ist, das Ruder überhaupt nur noch in Händen zu behalten.

Die Gefahr des Scheiterns liegt bereits in der im Bereich des Möglichen befindlichen Machtübernahme in den Staatskanzleien von Schwerin und Magdeburg. Das entspräche etwa der erfolgreichen Stürmung der Vorburg. Der Bund in seiner Funktion als Donjon – um im Bilde mittelalterlichen Festungsbaus zu bleiben – würde kraft seiner Bundesgesetzgebung und auch im Bundesrat alles tun, um diese blauen Landesregierungen auf Schritt und Tritt zu blockieren und ihnen das Leben sauer zu machen.

Das allein schon zu dem Zwecke, um der Masse zu zeigen: „Seht ihr, die können’s auch nicht!! Hatten nur ein großes Maul!“

Da das Wahlvolk dann aber wirklich keine demokratische „Alternative“ mehr besäße, könnte es bei einer weitere Verschärfung der sozialen Situation zu einer sehr gefährlichen Destabilisierung des gesellschaftlichen Zusammenhalts kommen. Auch hier lohnt ein Blick zurück in die Zwanziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts.

Im Übrigen sehen wir genau diesen Mechanismus an der brutalen Blockade-Politik der EU-Führungsgremien Ungarn und der Slowakei gegenüber. Man mag zu Orban stehen, wie man will – seine Abwahl aber zeigte, wer hier wirklich an der Wahlurne stand: nämlich Flinten-Uschi und Konsorten.

Die Blauen wären also zum unbedingten Erfolg verdammt und das würde bedeuten, sie müssten zuerst die Macht im Bund übernehmen und die deutsche Außen- wie Innenpolitik einer radikalen Kehrtwende unterziehen. Diese Option aber ist derzeit nicht in Sicht.

Der steinigere Weg über eine erfolgreiche Landespolitik in den eroberten Staatskanzleien einen bundeweiten Domino-Effekt zu erzielen, ist ebenso unwahrscheinlich. Siehe oben.

Die AfD hat also allen Grund, sich vor einem Wahlsieg auf Landesebene mehr zu fürchten als ihre parlamentarischen Feinde.

In den letzten Kriegstagen 1945 hieß es bei den deutschen Landsern: „Kinders, genießt den Krieg – der Frieden wird furchtbar!“ Das ist eine ewige Weisheit, welche sich die AfD, deren einige Mitglieder den deutschen Landser ja so gerne rehabilitieren wollen, deutlich hinter die Ohren und auf die blauen Fahnen schreiben sollte.

Denn der Krieg, den die Landser meinten, ist nunmehr mit dem Eroberungsfeldzug der AfD gleichzusetzen, der Frieden wäre in diesem Sinne der erfolgreiche Einzug auf der Brücke des Staatsdampfers „Deutschland“.

Just in diesem Augenblick, liebe Blaue, seid ihr in der Scheißposition der Machthaber und Burgverteidiger und der zum Abliefern Verurteilten und die anderen, die ihr entmachtet habt, können nun aus der Deckung heraus nach Belieben kläffen und schießen und euch jeden klitzekleinen Fehler und Misserfolg nachzählen.

Es sei denn … Wir wollen nicht hoffen, dass ihr dann so weit geht, die Zäune von Sachsenhausen, Buchenwald und Dachau wieder zu flicken und unter Strom zu setzen, damit eure Ohren von diesem lästigen Gebell verschont bleiben.

Welche Sympathien für unser Väterchen Zar in Moskau wir auch immer hegen oder nicht hegen mögen – SEIN Regierungsmodell mag ins zweite Byzanz passen – hier, in der Mitte des alten Europas, wäre es schon aus historischen Gründen heraus extrem inopportun. Das hat die polnische PiS nicht gewagt, das hat sich Orban nicht getraut und ihr – solltet nicht mal ansatzweise daran denken!

Das Gedächtnis einzelner Menschen mag kurz und von Amnesie geprägt sein. Das Gedächtnis der Völker hingegen hält eine gute Weile vor: Das Jahr 1945 ist noch nicht so lange her, als dass der böse Deutsche in einem solchen Falle nicht ad hoc von den internationalen Anleihemärkten wieder ausgeschlossen und von jeglicher internationaler Anbindung schlimmer isoliert werden würde, als man das mit jedem Busch-Despoten aus Afrika tun würde.

Also Kinders: Genießt die Tage der Opposition und denkt daran: Wen die Götter hassen, dem erfüllen sie seine Wünsche.


33. Volumen

©B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2003

05.05.2026