Baaks

zurück zum Landboten

 

Was vom Kommunismus übrig blieb…

Michael L. Hübner
„Dass Sie diesen Lumpen noch etwas abgewinnen können“, brummte missmutig der Chefredakteur. Herr Bajun tippte seelenruhig weiter, die Pfeife im Mundwinkel. „Waren wohl nicht lange genug hinterm Eisernen Vorhang weggesperrt, was“, ätzte Don Miquele, ins gleiche Horn tutent. Bedächtig nahm der Vize die Pfeife in die rechte Hand. „Da mögen Sie Recht haben“, antwortete er in die Runde gewandt, die ihn erwartungsvoll anblickte, „aber die Mauer und die Idiotie der Bolschewisten war und ist nicht alles. Sie haben mich unendlich viel gelehrt, von dem ich noch heute profitiere.“ „Nu, was wird das wohl sein“, krächzte Herr Druckepennig aus der Ecke. Seit zwei Tagen laborierte er an einer leichten Bronchitis. „Haben Sie bei den Welterlösern die Demut vor der neu gewonnenen Freiheit gelernt?“ „Auch da liegen Sie nicht ganz falsch“, grinste Herr Bajun, „aber mal im Ernst: Die Kommunisten waren beileibe nicht die Pächter des Blödsinns. Sie waren exzellente Kritiker des Kapitalismus und damit ungewollt des wahren Wesens des Menschen. Denn der Kapitalismus entspricht, genau wie der Feudalismus, absolut diesem Wesen. Um dieses Wesen analysieren zu können, räumten die Kommunisten auf mit dem Budenzauber der Religionen. Glaube wurde erst einmal unwichtig. Und: sie postulierten die fundamentale Erkenntnis, wonach das einzige Kriterium der Wahrheit die Praxis sei. Blöd daran war nur ihre Inkonsequenz. Allem weihevollen Geseier vom Wert der Selbstkritik zum Trotze, waren sie an dieser nie so recht interessiert. Denn nach ihrem Verständnis waren sie ja die Gralshüter der Zukunft und damit die Besitzer der Zukunft. Selbstkritik verlangten sie nur den kleinen Leuten, den Subalternen ab. Die Großkopferten waren die Partei und die Partei hat immer Recht! Und so schufen sie schlussendlich ihre eigene Religion, substituierten quasi eine alte gegen eine neue religiöse und Menschheitserlösende Idee. Mit allem Zinnober und Brimborium, Ritualen und endlosen Beweisführungen für die Richtigkeit ihrer Vorstellungen. Sie logen sich am Ende in die eigene Tasche, was das Zeug hielt. Das war ihre Crux! Daran scheiterten sie, daran mussten sie scheitern. Denn der gefährlichste, der dümmste Betrug, den ein Mensch begehen kann, ist alleweil der Betrug an sich selbst. Sie analysierten den Kapitalismus und alle ihm vorangehenden Gesellschaftsordnungen deshalb mit einer solchen Präzision, weil es sie nichts kostete. Leicht ist es, nach dem toten Löwen zu treten. Der echten Herausforderung aber, sich selbst ins ungeschminkte Gesicht zu sehen, waren sie nicht gewachsen. Das rächte sich bitter. Dass aber der Bote strauchelte, sagt gar nichts über den Wert der Botschaft.“ Der Kulturchef sog an der Pfeife und paffte eine Rauchwolke in die Redaktion. Schweigen.
Dann regte sich Herr Lemarcou in der Ecke des Redaktionssofas: „Ja, glauben Sie denn, dass die Bolschewisten mit ihrem Gesellschaftsmodell eine Chance gehabt hätten, wenn sie ihren eigenen Analyseforderungen treu geblieben wären?“
„Nein“, kam die Antwort wie aus einem Gewehr geschossen. „Denn dann hätten sie ja umgehend erkennen müssen, dass ihre Idee fernab vom Wesen des Nackten Affen umhertrudelte. Ihre Idee – das war die Gesellschaftsbezogenheit des Rudelviehs Nackter Affe. Das war ja auch im Ansatz richtig. Nur, die Suche nach der Motivation verlief sich im Nebel. Das Leben im Rudel ist kein Selbstzweck. Es schützt den Einzelnen mehr, als wenn er alleine leben würde. Aber der Einzelne profitiert auch durch das Leben in der Gemeinschaft. Und darum geht’s: der Profit wird maximiert. Urstreben jedes Menschen – im Kapitalismus, wie die Kommnisten predigten. Aber eben bei ihnen auch. Denn Profitmaximierung bedeutet nicht nur die Millionen Dollar Gehalt oder eben das bloße Überleben, sondern auch gesellschaftliches Ansehen, Macht, Attraktivität. Den Urtrieben des Menschen kam der Psychiater Freud weitaus näher als der Ökonom und Philosoph Marx. Dieses Streben nach maximalem Effekt für den Einzelnen, für das Individuum, wird mitnichten einer Aufopferung für die Belange der Gesellschaft weichen. Jedenfalls nicht bei geistig gesunden Nackten Affen. Bei Bienen, Ratten oder Ameisen mag sich das anders verhalten. Aber eben nicht bei Nackten Affen. Deshalb gibt’s wahren Kommunismus auch nur bei den Staatenbildenden Insekten oder eben bei den Rattchens. Deshalb werden diese Kreaturen uns auch über kurz oder lang überleben. Deshalb sind diese die Träger der Zukunft. Wären die Kommunisten stringent bei der Handhabung ihrer eigenen Erkenntnisse verblieben, dann hätten sie nur früher das eigene Ende vorhergesehen. Des ungeachtet, sie erweckten in mir die tiefe Liebe zur Klarheit und zum Rationalismus. Sie ließen mir meinen Spinoza und machten keine Anstalten, ihn mit Weihrauch aus meinem Kopfe auszuräuchern. Dafür bin ich ihnen dankbar. Und ich glaube nicht, dass es zweckmäßig oder auch nur sinnvoll ist, ihre Verbrechen und ihre schlussendliche Dummheit gegen das aufzurechnen, was sie an Brauchbarem hinterließen. Wenn wir diese Torheit begingen, dann müssten wir auch den König David zur Hölle schicken. Denn David war einer der amoralischsten Lumpen, Kriminellen, Verräter und Verbrecher, die je die Geschicke von Menschen bestimmten. Aber, er muss auch ein tieffrommer Mann gewesen sein. Und aus einem Mix aus Schurkentum und Frömmigkeit bezog er die ungeheure Kraft einen Haufen zerlumpter und bettelarmer, hilfloser Wüstennomaden zu einer Nation zusammenzuschmieden, die selbst die perfekteste Todesmaschinerie der Welt, Himmlers SS, überstand. Und das noch nach Tausenden Jahren. Kein Verrat, kein Mord, keine Vergewaltigung, keine Hinterlist Davids wird dadurch egalisiert. Dennoch zählt er zu den größten Menschen, die je auf dieser Erde atmeten. Das ist ein Dualismus. Zwei Wesenheiten in einem Kreis. Feuer und Wasser, Yin und Yang. Sich ausschließend und doch ohne einander nicht denkbar. Vielleicht am besten nachvollziehbar mit den Mitteln des historischen und dialektischen Materialismus, so albern das klingen mag. Und dieser ist ein Erbe des Kommunismus – ganz ohne jeden Zweifel. Ich bin ein konservativer Mensch. Aber ich bin der felsenfesten Ansicht: Wer denen Kommunisten nicht zuhört, er muss ja nicht alles glauben, was sie den lieben langen Tag palavern… wer ihnen aber wie gesagt nicht einmal zuhört, der ist ein dummer Mensch. Der wäre im Preußischen Landboten fehl am Platze.“
Die Rauchwolken aus Herrn Bajuns Pfeife waberten gemächlich in Richtung des Fensters, welches Herr Akinokawa soeben geöffnet hatte. Seine Blicke aber verloren sich im roten Herbstlaub, durch welches ab und an das Wasser des fernen Sees schimmerte.

12. Volumen
© B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2008
21.10.2008