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Der Autor besuchte in Brandenburg an der Havel die Joliot-Curie-Oberschule, die Juri-Gagarin-Oberschule (Stammsitz der Saldria), die Wilhelm-Pieck-Oberschule mit erweitertem Russischunterricht, die Betriebsberufsschule des SWB „Max Maddalena“, wo er eine Berufsausbildung mit Abitur abschloß. An der Humboldt-Universität zu Berlin und der Freien Universität Berlin studierte er Medizin und Chemie und arbeitet gegenwärtig als Medien- und Informationsspezialist am Museum der Stadt Brandenburg an der Havel. Ein durch und durch märkischer Schüler…

Die Entwicklung des Schulwesens in der Mark Brandenburg
Auftragsarbeit für die BRAWO (Brandenburger Wochenblatt)

Michael L. Hübner
Die Schule hat die Aufgabe, junge Menschen auf das Leben vorbereiten, sie auszubilden und fit zumachen für den Platz, für den sie einst in der Gesellschaft bestimmt sind. Schulen geben das Rüstzeug, vermitteln das erforderliche Wissen.
850 Jahre Mark Brandenburg sind beinahe gleichzusetzen mit 850 Jahren organisiertem Schulwesen in dem Land zwischen Elbe und Oder. Wenn die Betonung dabei auf dem Begriff „organisiertes Schulwesen“ liegt, so sei Wert darauf gelegt, dass die wendischen Stämme, welche auf dem Gebiet der späteren Mark siedelten, die Erziehung ihrer Kinder keineswegs vernachlässigten. Dieser Erziehung lag nur eben eine andere Form zugrunde. Die „Schule“ des Slawen war die ihn umgebene Natur, waren die Eltern, Großeltern, Verwandten. Der junge Stodorane (Heveller) oder die kleine Sprewanin wurden seit frühester Kindheit an alle Arbeiten der Dorfgemeinschaft herangezogen, lernten zu jagen, zu fischen, den Boden zu bestellen, zu töpfern, zu weben, den Waldfrüchte zu nutzen, lernten die Zeichen der Natur zu deuten. Ihre Schule war die Schule des Überlebens. Keinesfalls darf man diese Art des Wissenserwerbs als primitiv oder als dem späteren christlichen Schulwesen unterlegen etikettieren. Jene Ausbildung war perfekt auf die Erfordernisse der damaligen Gesellschaftsform und des Lebens vor über tausend Jahren abgestimmt und wenn sich ein moderner märkischer Zeitgenosse in den gewaltigen Wäldern des Nordens verirren würde, dann gäbe er sicher viel um die Kenntnisse seiner wendischen Vorfahren.
Natürlich kannten die Slawen auch schon spezialisierte Ausbildungen. Besonders begabte Jungen wurden beispielsweise zu Priestern ausgebildet, deren Wirken das Leben der Stämme nachhaltig beeinflußte.
Mit der Eroberung der Mark änderten sich die Verhältnisse einschneidend.
Dörfer und Städte wurden angelegt, verhältnismäßig große Menschenmassen zogen in die von Deutschen besetzten Gebiete. Gemarkungen wurden abgesteckt, Besitz- und Abhängigkeitsverhältnisse gestalteten sich. Das bedeutete eine Revolution in der Organisation menschlichen Zusammenlebens. Dieser Umbruch schuf neue Erfordernisse. Erstmalig etablierten sich Verwaltungen, deren Aufbau und Struktur die Siedler aus ihrer Heimat mitbrachten. Nun kam das alles nicht von ungefähr: Die Kirche, die ihren Weg maßgeblich in der hoch entwickelten Zivilisation und Staatskultur des Alten Rom gemacht hatte und die nunmehr auf dem Gebiet der organisierten Besiedlung der zukünftigen Mark Brandenburg Pionierarbeit leistete, brachte einen ungeheuren Erfahrungsschatz und bestausgebildete Spezialisten mit.
Diese Leute mußten grundsätzlich andere Künste beherrschen, als die slawischen Fischer und Bauern.
Lesen, Schreiben, Grammatik, Arithmetik, Geometrie, Dialektik und Logik, Rhetorik, Musik, und Astronomie waren die Fächer, deren Fähigkeiten für verantwortliche Positionen gebraucht wurden. Naturgemäß bildete die Kirche ihren Nachwuchs an Schulen aus, die unmittelbar an die Domkirchen der neugegründeten Diözesen angeschlossen waren. Somit finden wir die ersten märkischen Schulen an den Bistümern von Havelberg und Brandenburg. Auch die Klöster der in die Mark einziehenden Orden bildeten aus. All diesen Bildungseinrichtungen war gemein, dass sie über Bibliotheken verfügten, in denen das bereits umfängliche Wissen ihrer Zeit gespeichert war. Bibliotheken galten in jener Zeit, als wertvolle Bücher nicht selten als Staatsgeschenke den Besitzer wechselten, als wahre Schatzkammern. Zöglinge dieser Schulen stellten den klerikalen Nachwuchs und fungierten oft als Berater ihrer Herrscher, die in der Zeit des Mittelalters nur selten lesen und schreiben konnten.
Brekow nennt als ersten Brandenburger Lehrer einen Dietrich, beurkundet im Jahre 1209.
Während in den dörflichen Gemeinschaften – auch der Neusiedler – noch alles beim Alten blieb, war dem erstarkenden Bürgertum in den Städten sehr daran gelegen, die Bildung seiner Jugend zu befördern. Zunächst wurden die Schüler, an Schülerinnen war vorerst noch nicht zu denken, an den kirchlichen Schulen untergebracht. Deren Kapazität war jedoch bald erschöpft, was infolge zur Gründung von öffentlichen Schulen führte.
Diese Schulen folgten jedoch noch keineswegs einem einheitlichen Lehrkonzept, noch wurden an die Lehrkräfte besondere Anforderungen gestellt. Mit dem Begriff „Pädagogik“ und seinen Inhalten hätte niemand etwas anzufangen gewußt. Oftmals wurden die Kinder von Geistlichen unterrichtet, da diese Bevölkerungsgruppe selbst eine Ausbildung genossen hatte und vor diesem Hintergrund befähigt war, Wissen zu vermitteln. Allerdings war der Unterricht oft mehr als dürftig, da die niedere Geistlichkeit mehrheitlich selbst kein hohes Bildungsniveau vertrat. Der bedeutendste Brandenburger Bischof, Stephan Bodecker (1384-1459), der selbst in ärmlichsten Verhältnissen in Rathenow aufgewachsen war und sich zielstrebig nach „oben“ gearbeitet hatte, bemühte sich unter anderem sehr auf dem Gebiet der Schulausbildung für Kinder und rief auf der Provinzialsynode vom 3. Juni 1436 die Pfarrer seiner Diözese dazu auf, in den Gemeinden Schulbücher anzuschaffen. Man bedenke, daß Gutenberg erst im Jahre 1450 mit dem Buchdruck begann und Bücher nach wie vor zu den beinahe unerschwinglichen Luxusgütern zählten.
Zunächst lag das Primat der Ausbildung auf einer christlichen Unterweisung. Die Eckpfeiler der Heilsgeschichte zu kennen, rangierte weit vor den Künsten des Lesens, Schreibens oder Rechnens. Wie hart das Leben der Schüler zu dieser Zeit war, davon vermitteln die autobiographischen Erinnerungen des großen deutschen Humanisten Johannes Butzbach, genannt Piemontanus, einen erschütternden Eindruck, die der Gelehrte 1505 unter dem Titel „Odoeporicon“ für seinen damals selbst schulpflichtigen Halbbruder Philipp schrieb.
Die Reformation brachte einschneidende Veränderungen. Durch die von reformatorischen Kräften zu verantwortende Säkularisation kam es zum Niedergang des katholischen Klerus in der Mark Brandenburg. Die Kirchen gingen in protestantischen Besitz über, die Klöster wurden leergezogen. Somit hörten diese Einrichtungen auf als Bildungsträger zu fungieren. Im Zuge dieser Entwicklung kam es zur Neugründung städtischer Schulen, erstmalig wurden an speziellen Instituten, sogenannten Jungfernschulen, auch Mädchen ausgebildet. Der Umfang der Ausbildungsinhalte stand jedoch noch weit hinter dem der Knaben zurück. Naturwissenschaften blieben den Mädchen vorenthalten. Statt dessen wurde auf eine fundierte Erziehung in allen Fächern der Hauswirtschaft Wert gelegt.
Die Zeit der Renaissance brachte durch die erschwinglicher werdenden Bücher und Schreibmaterialien dem Schulwesen einen immensen Anschub, der erst durch die verheerende Epoche des Dreißigjährigen Krieges nachhaltig unterbrochen wurde. Während dieser Zeit des Schreckens konnte keine kontinuierliche Ausbildung mehr gewährleistet werden. Der rapide Verfall staatlicher Autorität wirkte sich bis in die Schulen aus, die immer weniger in der Lage waren, der verrohenden Jugend Herr zu werden. Tödliche Auseinandersetzungen zwischen Schülern nahmen zu. Andere Schüler schlossen sich den vorbeiziehenden Heeren an. Die „arbeitslos“ werdenden Lehrer mußten sich nach einem anderen Broterwerb umsehen. Die mühsame Konsolidierung zur Zeit des Barock begann mit der Einführung der Schulpflicht im Jahre 1662 durch den Großen Kurfürsten. Diese aber war, besonders im ruralen Bereich sehr schlecht durchzusetzen, da die Kinder ärmerer Schichten fest in den Broterwerb der Familie integriert waren. Selbst harte Geld- oder Karzerstrafen konnten der verbreiteten Schulbummelei nicht abhelfen. Friedrich Wilhelm I. deklarierte für Preußen im Jahre 1717 noch einmal ausdrücklich die allgemeine Schulpflicht. Mit den Edikten, die der Soldatenkönig und sein Sohn, Friedrich der Große, bezüglich der Schulpflicht erließen, sollte in erster Linie die Erziehung des jungen Preußen zu einem gehorsamen „Landeskind“ sichergestellt werden. Friedrich der Große, der seinen während der Kriege seiner Regierungszeit invalide gewordenen Unteroffizieren bevorzugt Versorgungsposten auch als Schullehrer zuweisen ließ, stellte damit die Weichen für eine harte, auf Disziplin und Strenge ausgerichtete Erziehung der Kinder. Der Rohrstock und die Prügelstrafe verrichteten in märkischen Schulen ihren Dienst wie beim Kommis.
Eine Abkehr von dieser Prügelpädagogik erwuchs ausgerechnet aus den Reihen des preußischen Offizierskorps: Eberhard von Rochow begann auf seinem Gut Reckahn ein einzigartiges Experiment:
Im Jahre 1772 legte der preußische Offizier und Gutsbesitzer Friedrich Eberhardt von Rochow in dem bei Brandenburg an der Havel gelegenen Dorfe Reckahn ein Schulbuch vor, das den Auftakt zu seiner Schulgründung 1773 in Rekahn bildete. Rochows von der Aufklärung getragener Ansatz war dabei, das Leben der Landbevölkerung durch Bildung explizit zu verbessern. Die Aufklärung wollte dabei die Schichten der Bevölkerung erreichen, die vorher vom Bildungsprivileg ausgeschlossen waren. Man stellte sich die Arbeit in etwa wie die Trockenlegung eines Sumpfes vor, eines Morastes, der aus Unbildung, dumpfem Aberglauben und Spökenkiekerei bestand. Die herrschende Gewalt und die Roheit im Umgang der unteren Gesellschaftsklassen miteinander sah man als Ausdünstungen dieses Sumpfes. Mit der Bildung, der Möglichkeit, Prozesse und Geschehnisse hinterfragen und verstehen zu können, hoffte man, den Menschen zu einer besseren, edleren Wesensart erziehen zu können.
1776 folgte der legendäre „Kinderfreund“ aus Rochows Hand, ein Buch, das europaweit Furore machte und Rochows pädagogisches Format unterstrich. Dieses erste deutsche Lesebuch für die Volksschule glänzte durch ein in didaktischer und methodischer Hinsicht völlig neues Konzept. Da es neben der bezeigten Liebe und dem Verständnis für Kinder, die nicht länger als „kleine Erwachsene“ betrachtet wurden, erschwinglich war und auch den Lehrern ein gutes Handwerkszeug bot, wurde der „Kinderfreund“ zu einem in viele europäische Sprachen übersetzter und in vielen Neuauflagen erschienener Verkaufsschlager.
Der von Rochow mitinitiierte Reformvorstoß trägt in seinem Grundgedanken bis heute.
1779 folgte dann der zweite Band des „Kinderfreundes“. Das Werk vermochte die neue Richtung weg von der alten, einseitig katechistisch geprägten Bildungsidee wirksam zu verbreiten.
Der Reformpädagoge und „lebende“ Kinderfreund, Lehrer Heinrich Julius Bruns, begleitete ab 1773 mit großem Geschick die Reform seines Dienstherrn von Rochow auf Reckahn und half, die erarbeiteten pädagogischen Theorien umzusetzen.

Nun war der Ansatz, auch den plebejischen Schichten einen breiteren und vor allem leichteren Zugang zur Bildung zu öffnen, weder aus der Luft gegriffen, noch von alleiniger christlicher Nächstenliebe getragen. Gerade in der zahlenmäßig ungleich stärkeren Bevölkerungsgruppe der Stadt- und Landarmen schlummerte oft großes Potential. Die Beispiele des Freiherrn von Derfflinger oder des oben erwähnten Bischof Stephan mögen diesen Umstand hinreichend belegen. Dieser Schatz mußte gehoben und sinnvoll im Staatsdienst verwendet werden. Dieses zu leisten oblag in aller Regel den höheren Schulen, aus denen später die Gymnasien hervorgingen. Mit einem meist vom Landesherren oder Gemeinde gestifteten Stipendium konnte auch der Unterricht von Begabten der unteren sozialen Schichten gefördert werden. Solche Schulen, welche die Schüler fit für das Studium an einer Universität machten, waren in der Mark unter anderem

Das Joachimsthaler Gymnasium
Eingeweiht im Jahre 1607 in Gegenwart des Kurfürsten sollte diese „Fürstenschule“ das Elite-Gymnasium der Mark schlechthin werden. Die Hohenzollern stifteten sowohl die Schule als auch die dazugehörige Kirche, das Internat und den Unterhalt der Lehrer und Schüler. Ziel war es, dass die Absolventen „hernach mit Nutzen ihre Studia auf Unsere Universitaet Frankfurth an der Oder continuieren und fortstellen, und wir und Unsere Nachkommen sie in Predigt-Ambt und sonsten nützlich zu gebrauchen haben möchten“.
Die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges jedoch setzten dem Gymnasialbetrieb ein rasches Ende. In Berlin neuangesiedelt generierte diese hervorragende Ausbildungsstätte tatsächlich zu Kaderschmiede der preußischen Kultur und Verwaltung. Hier „erfand“ Rektor Meierotto das Abitur, dessen erfolgreicher Abschluß für eine Immatrikulation obligat wurde.

Das Gymnasium zum Grauen Kloster
Im Jahre 1574 gründete sich in Berlin im ehemaligen Franziskanerkloster in der heutigen Grunerstraße das Gymnasium Zum Grauen Kloster. Diese Bildungseinrichtung kann als die erste Landesschule der Mark Brandenburg angesehen werden und entwickelte sich zu einer bis heute bestehenden Eliteschule.
An ihm wirkte unter anderem der Turnvater Jahn, sowohl als Schüler und auch später als Lehrer. Der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck legte hier 1832 sein Abitur ab. Schadow und Schinkel wurden an dieser Schule auf die Universität vorbereitet

Die Ritterakademie Brandenburg
1704 wurde am Dom zu Brandenburg die Ritter-Schule ins Leben gerufen, die 1705 den Lehrbetrieb aufnahm. Die Söhne des märkischen Adels sollten hier auf eine Aufgabe im brandenburgisch-preußischen Staatswesen vorbereitet werden. 1717 in Ritter - Collegium umbenannt, wurde sie dann 1803 zur Ritter-Akademie erhoben. Ein mindestens zweijähriger Besuch einer solchen Lehreinrichtung war seit 1729 für zukünftige Anwärter auf den höheren Staatsdienst obligat. Der im Abschnitt Rekahn besprochene preußische Schulreformer Friedrich Eberhard von Rochow war Zögling der Ritterakademie. Prominentester Absolvent der Ritterakademie ist der langjährige FDP-Chef Otto Graf Lambsdorff. Die Nationalsozialisten konnten ihr Credo einer „sozialistischen“ Volkspartei nicht mit den alten Eliten vereinbaren und lösten die Ritterakademie 1937 auf. Ihre Schüler wurde von einem anderen legendären Brandenburger Gymnasium übernommen: der Saldria.

Die Saldria
Der Kirche der Altstadt, St. Gotthardt, war schon im Jahre 1252 eine Schule angeschlossen, die Schüler im Lesen, Rechnen, Latein und Kirchengesang ausbildete. 1552 wurde dann gegenüber dem Westwerk St. Gotthardts die Lateinschule erbaut, die schon auf dem Gemälde des Zacharias Garcaeus zu sehen ist und heute die Galerie Sonnensegel beherbergt. Allerdings war dieses Haus der wachsenden Schülerzahl bald nicht mehr gewachsen. 1589 machte die Witwe des kurfürstlichen Oberkämmerers Mathias von Saldern, Gertrud von Saldern, der Altstadt Brandenburg auf Betreiben des ihr befreundeten Bürgermeisters der Altstadt, Simon Roter das Gelände und die darauf stehenden Gebäude des ehemaligen Bischofsitzes an St. Gotthardt der Altstadt Brandenburg unter der Auflage zum Geschenk, dort eine Schule zu betreiben, die fortan die „Salderische Schule“ genannt wurde und die bisherige Lateinschule in sich aufnahm. Vor dem Dreißigjährigen Kriege unterrichteten bedeutende Lehrer mehr als 400 Schüler . 1797 wurde dann die Saldria mit der Neustädtischen Gelehrtenschule an der Katharinenkirche zur Saldernschen Bürgerschule vereinigt. 1867 bezog die Saldria ihr neues Domizil am Brandenburger Salzhofufer, das zum Ende des Zweiten Weltkriegs durch einen Bombentreffer zerstört wurde.

Nun lag es im Interesse des Herrscherhauses, in der Mark selbst eine Universität zu installieren, die den politischen Vorgaben des Kurfürsten Folge zu leisten verpflichtet war. Wurde der Personalbestand der Staatsverwaltung ausschließlich von Absolventen ausländischer Hochschulen beschickt, so lief die Regierung Gefahr, recht unsichere, auf andere, regierungsfremde Ideen gepolte Staatsdiener an Bord zu holen. Auf die Dauer konnte ein solches Verfahren die Gewißheit, sich auf loyale Beamte stützen zu können, erheblich unterminieren. So war es nur folgerichtig, mit dem Segen des Papstes Julius II. und des deutschen Kaisers

Die Viadrina
zu gründen. Am 15. März 1506, also 11 Jahre vor den reformatorischen Hammerschlägen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg, bekam Brandenburg seine erste Universität – die Alma Mater Viadrina zu Frankfurt an der Oder. Bis zu ihrer Verlegung nach Breslau im Jahre 1811 immatrikulierten sich Männer wie der Reichsritter Ulrich von Hutten, der Theologe und Bauernführer Dr. Thomas Münzer, die Brüder Humboldt, der Frankfurter Offizier und Dichter Heinrich von Kleist und der Sohn des großen Bach, Carl Philip Emanuel, an der Brandenburgischen Landesuniversität. Revolutionär war, dass an der Viadrina mit Genehmigung des Großen Kurfürsten seit 1678 auch erstmals Juden zum Studium zugelassen wurden. Die Ausbildung umfaßte die vier klassischen Fakultäten: Medizin, Jurisprudenz, Philosophie und Theologie. Erst im Jahre 1811 begann die Viadrina gegen die zu Berlin neugegründete Friedrich-Wilhelm-Universität, die nachmalige Humboldt-Universität, an Attraktivität zu verlieren. Ihre größte Demütigung erfuhr sie jedoch 1737 von dem sehr pragmatisch orientierten und aller Scholastik abholden Soldatenkönig, der auf den Gedanken verfiel, in seiner und der Anwesenheit des Hofnarren Jakob Salomon Morgenstern eine Vorlesung mit dem Titel Vernünftige Gedanken von der Narretei über die Sinnlosigkeit universitären Treibens halten ließ. Während dieser Veranstaltung hatten die Professoren ihre eigene Lehrtätigkeit ad absurdum zu führen. , Für den Soldatenkönig war das ein Spaß, den manche Studenten auch fröhlich quittierten. Dennoch ist diese unschöne Episode maßvoll zu bewerten, da der Soldatenkönig sich sowohl für die Erweiterung des Lehrbetriebes an der Frankfurter Universität hinsichtlich der Staats- und Verwaltungswissenschaften engagierte, als auch in Berlin maßgeblich zur Gründung und Entwicklung der Charité auch als akademischer Lehranstalt beitrug.
Das ausklingende 19. Jahrhundert begann dann damit, schon in den Schulen exzessiv den Charakter der anvertrauten Jugend im Sinne der herrschenden Politik zu überformen. Der Anspruch eine vaterlandstreue Jugend mit unseligem Drang zum Opfermut und zur aggressiven Verwegenheit jedem Feind gegenüber heranzubilden, half die Grundlagen für das Elend des 20. Jahrhunderts zu legen. Natürlich traten vielen guten Lehrern die Tränen in die Augen, wenn sie ab 1914 die Namen gefallener Schüler in den Todesanzeigen ihrer Zeitungen lesen mußten. Aber waren es nicht just diese Lehrer, die ihre Schüler singen hießen: „Gen Frankreich, gen Frankreich wollen wir ziehen…“? Nun, die Schüler zogen gen Frankreich, und viele blieben dort – tot. Dieser Hurrapatriotismus wurde von der nationalsozialistischen Schule aufgenommen und sublimiert. Der pubertäre Drang der Jugend, sich fortwährend in Gewalt- und Heldentaten beweisen zu müssen, wurde von der nationalsozialistischen Schule aufgenommen und zielgerichtet sublimiert. Die rassische Irrlehre, der nationalsozialistische Expansionsgeist, Lerninhalte, die strikt auf militärische Belange hin entwickelt wurden, bestimmten von nun an den Stoff, der unterrichtet wurde.
Das nachfolgende kommunistische Schulmodell mit seinen Polytechnischen Oberschulen und Erweiterten Oberschulen bot zwar eine an sich hervorragende und breite Grundausbildung, konnte sich aber auch ihrerseits dem doktrinären Griff des Staates nach der Erziehungshoheit nicht entziehen. Erziehung war Klassenauftrag! Heranzubilden waren sozialistische Schülerpersönlichkeiten, die sich nahtlos in das Gefüge des Realsozialismus einzuordnen hatten. Wessen diesbezügliche Bereitwilligkeit zu wünschen übrig ließ, konnte schon mal seine Ausbildung in Jugendwerkhöfen fortsetzen. Deren konsequente „Pädagogik“ genoß einen zweifelhaften Ruf. In Lehnin befand sich eine solche Erziehungsanstalt. In der Schülergeneration des Autors wurde ausnahmslos mit Scheu und Respekt von dieser Institution gesprochen. Sehnsucht, den Jugendwerkhof von innen kennenzulernen, hatte wirklich niemand.
Mit der Wende erlebte das märkische Schulwesen wieder einmal eine Phase der tiefgreifenden Reorganisation. Das westdeutsche Bildungssystem wurde eingeführt und viele etablierte Werte und Wahrheiten verloren buchstäblich über Nacht ihre Gültigkeit. Ob ein Abwägen der konträren Auffassungen zu Bildungsweg und -inhalten sinnvoll erscheint, mögen zukünftige Generationen entscheiden. Dass aber Diskussionsbedarf besteht, steht nach PISA und ausgerufenem Bildungsnotstand fest.
Die Neuansiedlung von Fachhochschulen und Universitäten seit der Wende, so die Neugründung der Viadrina zu Frankfurt an der Oder respektive die Gründung der Fachhochschule Brandenburg an der Havel sind aller Ehren wert. Dennoch müssen gerade solche Einrichtungen auf gut vorbereitete Neuzugänge reflektieren können, wenn sie mit effektiver Forschung und Lehre ihren Standorten dienlich zu sein wünschen.
Solche Grundsteine zu legen kann nicht allein dem Schulwesen überlassen werden. Lehrer können noch so brillante Pädagogen sein – die charakterliche Prägung ansonsten sich selbst überlassener Kinder und Jugendlicher ist nicht von ihnen allein zu schultern. Das ist zwingend eine gesellschaftsübergreifende Pflicht, an der im wahrsten Sinne des Wortes die Zukunft der Gesellschaft hängt.

9. Volumen
© B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2007