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Oettingers Gestammel

Scholcher M. Druckepennig
Tote werfen mitunter lange Schatten. Das ist so ziemlich das Letzte, wozu sie noch in der Lage sind. So paradox es klingen mag: Manchmal gewinnen Dinge gerade in diesen Schatten an Kontrast, die ansonsten möglicherweise unentdeckt geblieben wären. Wer außer seinem engsten Vertrautenkreise wüßte denn sonst, daß es sich bei Herrn Ministerpräsidenten Günther Oettinger um einen farblosen Opportunisten billigster Couleur ohne Rückgrat und Charakter handelt? Nicht durch Charisma oder überzeugende politische oder gar programmatische Ideen bindet dieser Landesvater seine Anhängerschar an sich – nee, er sucht sie mit idiotischen Nachrufen auf obskure Amtsvorgänger zu gewinnen.
Beifall erwartete und bekam er von verknöcherten Schwachköpfen, die einen Raubkrieg noch immer für eine patriotische Ruhmestat halten und die Pflicht zur Teilnahme an diesem Verbrechen höher als den Schutz des eigenen Lebens werten.
Nicht, dass Sie mich jetzt mißverstehen: Nicht das eigene Leben der Hurra-Krieger ist gemeint. Es geht alleweil nur um das eigene Leben der Anderen. Die wirklich für ihren Stumpfsinn das Fell wagen, sind dann die Beklopptesten von allen. Aber das ist eine vernachlässigbare Minderheit von fanatischen Spinnern.
Ja, und wenn man dann das grausame Spiel nicht mitspielen möchte, weil man von der ganzen Blödheit keinen Gewinn, sondern im Gegenteil nur unermeßlichen Schaden hat – dann gehört man eben erschossen. So und nicht anders dachte auch der Marinerichter und Furchtbare Jurist Filbinger.
Für diese seine Überzeugung schickte dieser Filbinger dann einen jungen Mann namens Walter Gröger in den Tod, als der Krieg faktisch schon zu Ende war. Gröger wollte nicht länger den Kopf hinhalten für den verlorenen Größenwahn der übelsten Verbrecherclique, deren Atem je die Atmosphäre dieses Planeten vergiftete. Also: erschießen den Kerl! Und mit was? Mit Pulver und mit Blei und mit Recht, Herr Filbinger, nicht wahr? Nach Jahrzehnten immer noch: Mit Recht! Denn: „Was damals Recht war, kann heute kein Unrecht sein!“ Zitat Filbinger Ende. Just dieses Zitat zeigt den perfiden Ungeist dieses Furchtbaren Juristen!
Was an Gröger verübt wurde war schlicht und ergreifend – MORD! Nicht einmal ein Justizmord, sondern klassischer MORD! Mord ist per definitionem die geplante, heimtückische Tötung eines Menschen aus niedrigen Motiven. Alle drei Aspekte sind im Falle Gröger gegeben: Geplant hat man den Mord während der Kriegsgerichtsverhandlung. Heimtücke sagt aus, dass dem Opfer keine Chance gelassen wird, sich zu wehren oder zu fliehen. Gröger hatte keine Chance. Und wer schlußendlich den Nazis auch nur ein einziges redliches Motiv unterstellt, hat mit Verlaub gesagt nicht mehr alle Latten am Zaun! Da die Jurisdiktion der Nazis nicht demokratisch legitimiert war, sondern im Gegenteil alle Merkmale einer gelenkten Terrorjustiz trug, so deckt nicht einmal die Robe des Rechts das Verbrechen.
Der Furchtbare Jurist mußte sich auf sein gut dotiertes Altenteil zurückziehen. Sollte an seinem Glauben, seiner „Religiosität“, zu der er sich heuchlerisch bekannte, etwas dran sein, so ist der Furchtbare Jurist nun seinerseits nach den Worten der Schrift verdammt und brutzelt für seinen Mord an Grögern in der Hölle. Soll er!
Jetzt aber kommt der Meister Oettinger, dieser wohl absurdeste Streich der politischen Fama, und palavert an der Kiste Filbingers davon, der Kisteninhalt sei zu Lebzeiten ein Gegner der Nazis gewesen. Und überhaupt hätte er niemanden auf dem Gewissen.
Gut gebrüllt, Löwe! Die „rechtskonservative“ Ecke klatschte Beifall, der Rest der Republik tobte.
Wir toben nicht. Wir betrachten die Sache sogar mit einem gewissen Amüsement. Endlich, endlich läßt einer von der „neuen“ Politikergeneration die Hosen runter. Zum Vorschein kommt ein kümmerliches Gemächt. Das ist kein Politiker, der sein Handwerk ordentlich und zunftgerecht ausschildert und der als ganzer Kerl hinter seiner Arbeit steht. Das ist ein Würmling, alles andere als eine ehrliche und honette Führungspersönlichkeit.
Keine ernstzunehmende Lauterkeit wird hier verhandelt. Heilloses Lavieren ist das Panier. Doch viel anderes ist man von diesem Haudegen der Dummheit und des geistlosen Babbelns nicht gewohnt. Der Mann hat schon ganz andere Korken knallen lassen. Jemand, der das Motorradfahren verbieten will und dem selbst wegen der Sauferei der Führerschein entzogen wird, auf daß er andere nicht in Gefahr bringe, muß schon ein besonderes Kaliber sein. Schwamm drüber! Es geht um mehr als um das Schreckensbild eines unreifen und kulturfernen, charakterlosen Strategen, der von einer Laune des Wahnsinns auf den Thron von Baden-Württemberg gehievt wurde.
Machtgewinn und Machterhalt stehen für solche Leute einzig zur Disposition! Oder besser: stehen gerade nicht zur Disposition. Es geht nur und ausschließlich um die Macht. Sonst nichts. Das ist so erbärmlich!
Das Musterländle hat seinen Ruf erfolgreich verteidigt – es bot der Republik mit der Figur seines Ministerpräsidenten und dem Umgang mit ihr ein Muster an verdorbener, regressiver Filzpolitik und unverdauter Geschichte.
Damit könnten wir den Beitrag eigentlich beenden. Doch halt!
Da wären noch Oettingers Kritiker. Wer sind die? Meinen die es ehrlich? Sind die besser als Oettinger oder hopsen sie nur mit einer dünnen moralische Firnis versehen auf dem angeschlagenen Ministerpräsidenten herum, weil die Gelegenheit gerade so günstig ist. Ach, wir wollen nicht weiter darüber nachdenken. Es ist ja so unerquicklich.
Traurig macht uns dabei die Rolle des Zentralrates der Juden. Den 19. April traf sich Oettinger mit Frau Knobloch in Frankfurt am Main. In ganz christlicher Manier vergibt der Zentralrat dem reuigen Sünder nach seinem erzwungenen Canossa-Gang – Herr, Du Gerechter – was für eine Schmierenkomödie… – Juden, seid Ihr verrückt geworden? Hier wird möglicherweise wieder eine Weiche für Eure Zukunft gestellt. Eine versöhnliche Haltung mag politisch kalkuliert oder von honorigen Gedanken getragen sein. Zumindest werdet ihr diesen Großmut früher oder später teuer bezahlen. Opportunisten wandeln sich blitzartig in jede Richtung. Sie sind nicht berechenbar. Wenn ein Opportunist heute auf Euch zu kommt, weil es ihn sonst den Kragen kostet, dann wird er Euch morgen möglicherweise das Genick umdrehen, wenn er das Gefühl hat, daß andere das von ihm verlangen. Mit solchen Leuten schließt man keinen Frieden! Nicht um des eigenen Überlebens willen. Das solltet gerade Ihr aus Eurer horriblen Geschichte gelernt haben!
Wie dem auch immer sei - die baden-württembergische Sonne brachte es an den Tag: Wo sich die Schatten zweier Verstorbener kreuzten, da wurde uns ein Lehrstück zuteil, dessen Quintessenz wir uns gut hinter die Ohren schreiben sollten. Wenn Kerle solchen Typs die politische Zukunft Deutschlands sind, und die Zeichen deuten alle darauf hin, dann stehen uns wahrhaft eisige Zeiten bevor.

9. Volumen
© B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2007