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Grundrecht auf Massaker

Don M. Barbagrigia
Und wieder hat ein schwer Gestörter zugeschlagen: am Montag dem 16. April brachte ein Student südkoreanischer Herkunft am VTech, der Technischen Hochschule von Virginia 33 Menschen um, weil er mit sich und seinem verkoksten Leben nicht zurande kam. Es ist dieser Canaille nicht vergönnt, sich allein aus dem Dasein zu stehlen, dem sie in ihrer inneren Leere und Hohlheit nichts entgegenzusetzen haben, das sie schlicht überfordert. Nein, sie müssen andere, völlig unbeteiligte Menschen mit in den Tod reißen. Anders sehen sie keine Chance, dass ihr jämmerlicher Name wenigstens einmal genannt wird. Und ewig haben die anderen Schuld...
Diese Schurken haben den Schneid menschliches Leben vielfach auszurotten, aber den Mut zu sagen: ich bin ein kranker, lebensuntüchtiger Drecksack, ein Versager und Bankrotteur und deswegen bringe ich andere und mich um – diesen Mut haben sie nicht im entferntesten.
Doch es soll uns an dieser Stelle nicht so um die kranke Psyche dieser kaputten Gestalten zu tun sein.
Für uns liest sich das Drama von Blacksburg, Va., wie eine Zeile aus der Apokalypse des verrückten Johannes: Der Tod naht unversehens und rafft dahin, was in seinen Weg tritt.
Diese menschlichen Zeitbomben wird man nie in den Griff bekommen können, sie sind das Äquivalent zu den Krebszellen in einem höheren Organismus. Was sie unterscheidet, ist die unterschiedliche Zielsetzung. Die Krebszelle entdeckt für sich das vermeintlich Ewige Leben auf Kosten des Gesamtorganismus, der Amokläufer sucht den spektakulären Tod. Im Ergebnis sind dann beide wieder traut beisammen. Sie vernichten Leben – und eben nicht nur das Eigene.
Darüber hinaus eint beide Killer, dass sie selten zu antizipieren und noch viel seltener in der Frühphase ihres Ausbruchs zu stoppen sind.
Das alles ist nun schon schlimm genug. Da kann man mit trockenster Statistik sagen: Ab einer Bevölkerungszahl von soundso- vielen Individuen muß man mit einer soundso- hohen Wahrscheinlichkeit an Amokläufern rechnen.
Nun werden einige vernünftige Leute fordern: Ja, nehmt doch den Menschen die Waffen weg! Das sind doch die Instrumente, die ausschließlich zum Verletzen und Töten geschaffen wurden.
Spätestens an diesem Punkte stößt man bei den Amerikanern aber auf ganz taube Ohren. Ihre Waffenfreiheit ist das Allerheiligste. Es ist der morbide Ausdruck ihrer Paranoia, ihres Unvermögens, mit dem Andersdenkenden gewaltlos zu kommunizieren, es ist der Ausdruck ihrer tiefsitzenden Komplexe.
Da schreien die hirnschelligen Vertreter der Waffenlobby tatsächlich: Hätte jeder Student eine Waffe getragen, der Attentäter hätte beizeiten zu Fall gebracht und damit ein größeres Blutbad vermieden werden können.
Nehmen Sie sich ruhig etwas Zeit diesen Irrsinn zu durchdenken. Und stellen Sie sich dabei ein entsprechendes Szenario, getragen von heilloser Konfusion, Unwissen, Schrecken vor. Wissen Sie, dass der Mann mit Pistole in der Hand just vor Ihnen gerade nicht der Attentäter ist, sondern ein Selbstverteidiger oder Beschützer seiner Kommilitonen? Wissen Sie das genau? Wenn nicht, sollten Sie jetzt schießen! Denn wenn es der Amokschütze ist, bringt Sie jede verschenkte Sekunde näher an den eigenen Tod. Bums – da liegt er! Gut getroffen! Besser der als möglicherweise ich... Ach Du Schreck, das ist ja Paule, mit dem ich gestern noch die Pizza gegessen und mich zur Klausurvorbereitung verabredet habe. Scheiße! So ein Ärger, der Paule ist hin…
Das Geballer geht unterdessen weiter. Na ja, ich bekomme davon nichts mehr mit, weil mich Anne aus dem Wohnheim von gegenüber ihrerseits irrtümlich für den Attentäter hielt. Hatte sie ja immerhin auch allen Grund, denn wer ihren Paule absägt, mit dem sie noch heute früh ein zauberhaftes Frühstück genossen hatte, der muß der Hölle entsprungen sein. Wenn dem so ist, dann bin ich ja jetzt da, wo ich hingehöre. Und ich glaube kaum, dass ich lange auf Anne und all die anderen Selbstverteidiger werde warten müssen. Lustiges Gotcha mit scharfer Munition!
Ach – wussten Sie eigentlich sofort, ob es sich um einen oder mehrere Amokläufer handelte? Auch so eine Preisfrage, bei der sie als Hauptgewinn „noch eine Weile Atmen dürfen“ gewinnen können.
Das ist es, was der wildgewordene texanische Affe auf Amerikas Präsidententhron propagiert und wofür ihn die National Rifle Association (NRA – amerikanischer Waffen-Verband) das verblödete Haupt hätschelt.
Die amerikanische Waffenlobby wird angesichts der armen Menschen, die auf dem Campus auf so tragische Art ihr Leben verloren, rasch noch ein paar Krokodilstränen in die Sektgläser drücken, mit der sie auf die zu erwartende Umsatzsteigerung anstoßen. Denn bei einem Großteil der amerikanischen Bevölkerung reicht’s nun mal nicht weiter als bis zum nächsten Gunshop. „Dear Mr Operator, get me the local weapon trader…! Tralalalala.
Solche Probleme und Szenarios intellektuell zu durchdenken und progressive Schlußfolgerungen zu ziehen würde den Durchschnittsamerikaner weitaus teurer kommen als die läppischen $ 1000,- für eine dicke Flinte.
Darum: Jedem freien Amerikaner im „Home Of The Brave“ seine persönliche Waffe. Und jedem freien Amerikaner sein persönliches Massaker als Opfer oder Täter - egal! Und jedem Lobbyisten der NRA einen prall gefüllten Dollarsack und viele dicke Renditen! Schließlich haben sie alle ein unverhandelbares Grundrecht darauf!

9. Volumen
© B.St.Ff.Esq., Pr.B.&Co,2007